LandFrust: KuKu zwitschert

Wir wollen ja hier nicht über die vogeltragende Zwitscherseite schreiben, die derzeit die Weltpolitik regeln hilft. Nein. Wir schreiben hier lieber über Kinder.

Also eigentlich auch nicht. Lassen wir lieber die Kinder selbst schreiben.

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Okay, das war wohl eher nicht so erfolgreich.

Falls ihr euch jetzt fragt, worin das Thema der heutigen Ausgabe meiner fiktiven Zeitschrift der „LandFrust“ besteht, dann lasst euch gesagt sein, dass ihr nicht alleine seid. Ich weiß es auch nicht. Aber es ist sehr sehr wichtig. Und sehr laut. Und blond gelockt. Und ist sehr überzeugt davon, das Richtige zu sagen. Überhaupt sehe ich keinen einzigen Grund, warum Kuku mit ihren Aussagen nicht auch die Weltpolitik steuern könnte.

Heute jedenfalls für euch zusammengestellt: Große Weisheiten zwischen zwei Gummibärchen und einer Tasse Milch geäußert. Ohne weitere Kommentierung:

„Schimpfen ist nicht Aufpassen!“

„Der Kaffee ist auf den Tee gefallen!“ [Das ist schon beinahe Dadaistisch.]

„Die Rosinensemmel lag auf der Hundekacke!“ [Hatte ich erwähnt in welcher Entwicklungsphase sie sich befindet?? Ihr Lieblingslied derzeit ist: „Kaaaackaa kackaaaa Scheißscheißscheiß“ – sorry, ich wollte ja nicht kommentieren, wollte nur sichergehen, dass niemand denkt, wir hätten einen Hund…]

„Das ist eine Uhrzeitung, die kann man aufschlagen und die Uhrzeit drin lesen!“

„Meine Lieblingspizza ist Pizza mit Tomaten, aber ohne Tomaten!“

„Männer sind wie Knuspermüsli. Denn das ist Knusper und Männer sind auch Knusper.“

[Und für Alle die sich nicht sicher waren:] „Frauen sind besser als Männer. Denn Frauen sind Mädchen“

Das nächste Mal dann in der neuen LandFrust: Die fünfzig schönsten Babygeräusche und was sie eventuell bedeuten könnten.

 

LandFrust: Das Wort des Tages

Mein Vater und ich haben ein kleines Spiel. Eine kleine lustige Angewohnheit, wie wir schon viele über die Länge unserer Beziehung hatten. Diese ist recht neu, aber ich hoffe, sie bleibt uns eine Weile. Genau genommen weiß mein Papa gar nicht, dass ich mitspiele. – Jetzt schon, wenn er das hier liest.
Mein Papa hat sich ein paar gute Dinge für die Zukunft vorgenommen: jeden Tag Gitarre spielen, regelmäßig im Garten arbeiten, usw. aber am Besten finde ich persönlich: das Wort des Tages. Allseitiger Favorit war bisher „Wassermanagement“. Ab und an – und damit komme ich zu meinem Beitrag zu diesem Spiel – frage ich ihn nach dem Wort des Tages und überlege mir selbst, was ich dazu schreiben würde. Und heute schreibe ich das dann auch und veröffentliche es hier.
Das Wort des Tages ist: Zahnreinigung.
Ja, was lässt sich dazu schon schreiben, mag man denken. Mit offenem Mund unter hellen Lampen und einer hoffentlich gut ausgebildeten Fachkraft zu liegen, die einem eine Menge Fragen stellt ohne aus dem offenen Mund eine Antwort zu erwarten, ist vielleicht nicht die beste Grundlage für kreativen Textfluss.

Aber gerade das ist doch das Interessante. Oder zumindest kann ich meinerseits sagen, dass ich das interessant finde. Was nämlich diese Fachkraft so alles zu sagen hat. In meiner Studentinnenzeit war die regelmäßige Zahnreinigung ein lohnenswerter Luxus, den mir mein jetzt fleißig Wort des Tages ausdenkender Vater gerne gewährt hat. Und diese Tradition führen mein Mann und ich weiter, indem wir uns den Luxus gönnen, immer noch in unsere Studienheimat zum Zahnarzt zu fahren. Das hat mehrere Gründe, aber der wichtigste ist wohl die Zahnreinigung. Durchgeführt von einer gewissen Frau Minny Mauser (die in Wirklichkeit natürlich anders heißt). Ob wir jetzt dank ihr perfekte Zähne haben, sei mal dahin gestellt (das hängt wahrscheinlich mehr davon ab, wie gewissenhaft wir selbige nach der Behandlung weiterpflegen).

Aber dank ihr haben wir nach jedem Zahnreinigungstermin das Gefühl, einen eigenen Ein-Personen-Fanclub zu haben. Und dank Minny habe ich einen ganz genauen Anhaltspunkt, ab wann ich wirklich begonnen habe den bayerischen Dialekt zu verstehen. Als wir noch in München gewohnt haben, war nämlich meine Zahnreinigung bei Minny eine der wenigen Gelegenheiten, in denen ich mit ‚echtem‘ Dialekt in Berührung gekommen bin. Die Bekanntschaft mit einer dialektsprechenden Kommilitonin beschränkte sich auf eine einzige Unterhaltung, da wir beide das Gefühl hatten, aneinander vorbei zu sprechen (was wohl auch der Fall war… ich nehme bis heute an, dass ihr Zweitfach Mathematik war) und das was ich im Bäcker und auf der Straße für Bayerisch damals hielt, entpuppte sich als etwas, das man wohl eher mit ‚Regiolekt‘ bezeichnen sollte, also eine Umgangssprache, die typisch für eine bestimmte Region ist (falls jemand die richtige Definition davon kennt und sie anders lautet als, was ich hier geschrieben habe, dann möge man mich korrigieren).

Aber Minny überflutete mich so mit gesprächigem Bayerisch, dass sich mir darin eine völlig neue Welt eröffnete. Nicht, dass ich am Anfang mehr verstanden hätte als von erwähnter möglicherweise-Mathematik-Studentin. Aber sie war fröhlich und nett und plapperte mich voll und ich konnte mich zurücklehnen (wortwörtlich) und mich – während mir ein Sauger den Mund aussaugt und Minnys Instrumente meine Zähne bearbeiten – von den vertraut-fremdklingenden Worten durchspülen lassen. Ich kam immer heim und erzählte meinem damaligen Freund, was ich glaubte, dass sie mir von „der Schellingstraße als noch richtig was los war“ und „ihrer Schwester, die wunderbare Hochzeitsfrisuren stecken kann“ erzählt hat. Aber vielleicht war das mit der Schwester auch irgendetwas, das mit einem Boot zu tun hatte. Ich war mir nie sicher. Aber es war immer so fröhlich und positiv. Minny gehört zu diesen Menschen, die so unglaublich positiv sind. Ich komme schnell an die Grenze meiner Kreativität, wenn es darum geht Umstände, Menschen, Dinge zu loben. Aber Minny konnte sich in immer weiteren Gesprächsspiralen um ALLES SCHÖNE in München schlängeln. Letztlich glaube ich, dass mir meine eigene Unfähigkeit mehr als ein, zwei Sätze zum Glück um mich her sagen zu können, erst bei der Zahnreinigung aufgefallen ist. Ebenso wie mein Unvermögen nach einem ganzen Studium in München Bayerisch zu verstehen.

Aber dann kam unser Umzug. Und nach nur wenigen Monaten in unserer neuen niederbayerischen Heimat (Niederbayern) [dieser Zusatz war jetzt ganz allein für meinen Papa… und für die Niederbayern von deren Heimatliebe jeder Fähnchenschwenkende Fußballfan noch etwas lernen kann], also nach nur wenigen Monaten in unserer neuen Heimat verstand ich Minny plötzlich einwandfrei. Ja ich konnte kaum mehr als einen gewissen charmanten bayerischen Tonfall in ihren Begeisterungsrufen (beim Anblick unserer kleinen Familie) entdecken.

Jetzt wo ich dran denke… ich muss unbedingt einen Zahnarzttermin (mit Zahnreinigung) vereinbaren…

LandFrust: Ein Brief an Dich

Hallo Du!
Ich dachte, ich melde mich mal auf diesem Wege. Es schreibt ja fast niemand mehr Briefe, aber ich liebe es sehr. Ich bin gerade im Wald und der Himmel ist so blau als wolle er Werbung machen. Ich sitze an einem von der Sonne verwitterten und von Wespen angeknabberten Holztisch, direkt an einer Klause. Das ist hier ein künstlich aufgestauter See. Er ist fast schwarz, trotz des blauen Himmels, und macht die Luft hier herrlich kühl. Kein Windhauch kräuselt seine Oberfläche. Ich wünschte, du wärst hier. In diesen ruhigen Momenten überkommt mich eine so starke Sehnsucht nach dir, dass mein Kopf sogar anfängt mir Bilder vorzugaukeln. Davon wie du neben mir hier durch den Wald gehst. Ich würde so gerne mit dir spazieren gehen und mir von dir dein Leben erzählen lassen. Meistens frage ich ja zu wenig nach, aber das ist einfach nur eine Schwäche von mir. Eine sehr ärgerliche Schwäche, die verhindert, dass ich so interessante Geschichten wie die deine höre. Und natürlich ist es mir auch einfach manchmal peinlich. Wie würde es denn klingen, wenn ich fragen würde: Magst du es auch so gerne wie sich der blaue Himmel von den dunklen Nadelbäumen abhebt? Sieht der Wald bei euch auch so aus wie hier? Ein Teppich von Heidelbeersträuchern und zu viele Fichten? In der Schwangerschaft konnte ich immer so tief Luft holen. Und hier im Wald kann ich es immer.
Manchmal tue ich mir so schwer über meine Gefühle zu sprechen und mich zu öffnen. Du kennst das bestimmt auch. Ich habe Angst, dass mich Jemand auslacht, aber v.a. habe ich Angst, dass du mich weg stoßen könntest. Dabei ist das beides natürlich ein Blödsinn. Wie oft haben wir beide doch schon jemanden unwissentlich verletzt und wie oft sind wir beide auch schon abgewiesen worden, waren am Boden zerstört und sind wieder aufgestanden?! Aber leider muss ich auch sagen: Wie selten sind doch diese perfekten Momente, in denen wir uns so gut zu kennen glauben. In denen wir etwas Echtes erleben. Und solche Momente geschehen eben nur, wenn ich mich öffne, nur wenn wir ehrlich zueinander sind und dabei sehr verletzlich. Ich denke da besonders an eine Situation, vielleicht habe ich dir schon davon erzählt, aber falls nicht: Ich bin sicher du hast schon einmal etwas ähnliches erlebt und ich hoffe, du denkst daran, wenn du dich schlecht fühlst. Ich denke immer daran, wenn ich mal wieder das Gefühl habe, alle anderen sind so viel besser als ich.
Da war diese junge Frau in meinem Kurs an der Uni und sie war so gefasst und kompetent. So ernsthaft und von Kopf bis Fuß gutaussehender Fleiß, ganz auf Erfolg eingestellt. Und kurz vor den Prüfungen unterhielten wir uns – das einzige Mal – und ich sagte leichthin (aber eben auch ganz offen): „Ja, gestern hatte ich einen kleinen Nervenzusammenbruch, weil ich dachte, ich schaffe das Alles nicht mehr.“ Und wie ich das aussprach, sackte sie so ein bisschen in sich zusammen. Löste sich etwas in ihr. Und sie sah mich – das erste und einzige Mal – ganz erleichtert an. Erleichtert und ganz offen und verletzlich und sagte: „Ich dachte, das geht nur mir so. Ich bin so froh, dass du es aussprichst.“ Ich habe das ja nur gesagt, weil ich mich doch sowieso schon bei den Schwachen gesehen hatte, aber sie zeigte mir, dass auch unter der perfekten Oberfläche die Zweifel wohnen. Das war ein wunderschöner Moment. Es gab mir so viel Mut, zu wissen, dass auch „die Anderen“, die Schönen, Klugen und Besseren straucheln und sich selbst quälen mit Zweifeln.
Aber dass ich das überhaupt sehen kann, verdanke ich dir. Du bist ein großes Vorbild für mich. Im stark sein und im schwach sein. Was du im Täglichen leistest, schaffen manche (mich eingeschlossen) nicht in Ausnahmesituationen. Aber dennoch weiß ich, dass du eben auch deine schwachen Momente hast und um Hilfe bitten kannst. Und nur falls es dir dabei manchmal so geht wie mir: Das nimmt einem keine Ehre und das nimmt einem keine Kompetenz. Was du nicht kannst, hat keine Auswirkungen auf das, was du kannst.
Ich habe es schon geschrieben und ich schreibe es nochmal: Ich vermisse dich. Manchmal sehe ich jemanden vor mir laufen und für einen herrlichen Moment belüge ich mich und denke, du bist es. Aber dann sage ich mir: So eine Hose würdest du nicht tragen. Aber mein Herz hüpft trotzdem ein bisschen. Die Kilometer, die zwischen dir und mir liegen, die kennt mein Herz ja nicht.
Bis bald mal wieder,
deine J

Fashionblog: Meine Nachbarin.

Natürlich war Marilyn Monroe nicht wirklich meine Nachbarin – sie ist ja doch nicht mehr so ganz lebendig und ich bin noch nicht ganz so alt wie ich aussehe. Außerdem habe ich damals in München schon recht nett gewohnt, aber doch nicht ganz so wolkig exklusiv. Aber wenn ich damals jemandem von meiner Nachbarin erzählte, dann kam immer irgendwann die Erkenntnis, dass man sie schon mal gesehen hatte. Auf der Straße. Marilyn Monroe auf der Schellingstraße. Natürlich hatten meine (und ihre) Kommilitonen sie schon mal gesehen, sie war ja nicht zu übersehen. Platinblond, groß, noch größer mit den Absätzen ihrer eleganten Pumps und auftoupierten Locken, die am Ende der Woche, wenn ihr Friseurtermin näher rückte, immer mit einem Haarband mit Schleife geschmückt waren. Ich hatte es einmal erlebt, dass dieses zumeist samtene Band einen fälschlicherweise lila nachgefärbten Ansatz kaschierte. Ihr Lippenstift in pink oder rot war immer perfekt. Der Rest ihres schönen Gesichts auch. Ich nehme an, dass das, was sie mit der Hilfe ihres dreistöckigen Kosmetikwägelchens auf ihr Gesicht zauberte, ein genetisch gesegnetes Fundament hatte. Aber ich sah sie nie ungeschminkt und ihre Mutter, die ich einmal flüchtig sah, war lediglich durch rabenschwarzes Haar von der Tochter zu unterscheiden. Ich hätte angenommen, dass man die zwei Gesichter abziehen hätte können und auf zwei fremde legen, für den gleichen beeindruckenden Effekt, aber da sie mich einmal geschminkt hat, weiß ich, dass dies nicht funktioniert. Sie trug immer figurbetonte elegante Kleider und dazu einen freundlichen Blick, der verriet, dass durchaus mehr als nur ein bisschen Intellekt hinter diesem glänzenden Aussehen steckte. Im Kontrast zum etwas schmuddeligen Umfeld der in die Jahre gekommenen Unigebäude und unseres gemeinsamen Wohnhauses sah sie überperfekt aus. Wie losgelöst von Allem anderen. Ein ähnlicher Effekt, wie wenn man eine Filmcrew oder Modephotographen beobachtet. Oder wenn man sich neben einem Pappaufsteller einer Berühmtheit photographiert. Einmal sah ich sie in der Mitte einer Gruppe Studentinnen, wahrscheinlich musste sie mit ihrer Arbeitsgruppe ein Referat vorbereiten, aber es sah aus, als ob sich ihre Fans um sie geschart hätten. Wo unsereins im Laufe des Studiums optisch verschmilzt mit Sichtbeton und Stellwänden und Tischen und Stühlen voller zerrissener Aufkleber. Wo also unsereins sich Post-Its aus dem Haar fischt, mit Stoffhosen an den Splittern von Bänken in Vorlesungen hängen bleibt und sich irgendwann daran gewöhnt auf Fußböden mit Laptops zu sitzen oder zwischen Bücherstapeln zu schlafen. Da stach sie hervor und blieb so unberührt, als ob die Luft um sie her gereinigt wäre. Als ob die Sohlen ihrer Schuhe kein Körnchen Staub aufnehmen würden.
Sie bewohnte eine der obersten Wohnungen in unserem Betonklotz. (Ein Bild des Hauses findet ihr als Beitragsbild hier.) Im Kontext dieses Gebäudes, war es eine der besten Wohnungen und natürlich hingen dort Bilder von Marilyn Monroe und es stand zur entsprechenden Jahreszeit kitschige Weihnachtsdeko herum. Sie hatte auch Zugang zur Dachterrasse. Ich habe ein paar wenige Erinnerungen an sie, die mich allesamt zum Lächeln bringen. Und ich hoffe sehr, dass ihr weiteres Leben so erfolgreich verlief und verläuft, wie kurz nach der Uni als ich das letzte Mal von ihr gehört habe.
Aber was habe ich von ihr gelernt?
Ich hätte lernen können, wie man selbst krank im Bademantel (aus Seide mit Blumen, wenn ich mich recht erinnere) perfekt aussieht. Oder wie man sich Lippenstift so aufträgt, dass er auf der benutzten Teetasse so dick wie auf den eigenen Lippen zurückbleibt. Aber diese Lektionen in gekonnter Inszenierung sind selbstverständlich ziemlich spurlos an mir vorübergegangen. Sie hat mir einmal ihre Marquis de Sade Sammelausgabe geliehen. So unwahrscheinlich es auch war, dass gerade sie so ein Buch besaß. Dadurch habe ich natürlich (fachlich) etwas gelernt, wenn auch nicht direkt von ihr. Direkt von und durch sie lernte ich zwei Dinge. Erstens etwas, was mich bis heute tagtäglich begleitet und zweitens etwas, das mich leider viel zu selten beschäftigt:
1. Ich hasse ein vollständiges Makeup an mir selbst. Ich möchte immer die blauen Adern unter meinen Augen erkennen können.
2. Gönn es dir. Sei es dir wert.
Der erste Punkt ist wohl nicht weiter auszuführen. Ich begrüße den No-Makeup-Makeup-Trend, nicht indem ich mich so gekonnt schminke, dass ich „natürlich“ schön aussehe, sondern indem ich natürlich schön aussehe. Punkt. Oder um es mit den Worten meiner Oma zu sagen: „Alle die schöner sind als ich, sind geschminkt.“ Wie z.B. meine Nachbarin. Sie schminkte sich jeden Tag und hielt ihr Gesicht so in einem immer perfekten Zustand. Und sie tat das, weil sie es sich selbst gönnte, schön zu sein. Weil sie es sich selbst wert war. Als sie begann zu arbeiten, empfand sie unseren Sichtbetonklotz nicht mehr als standesgemäß und zog um. Sie gönnte sich den wöchentlichen Friseurbesuch und den dreistöckigen Schminkwagen und sie fuhr oft nach Italien und ließ sich dort zum Essen einladen (sie sprach auch fließend Italienisch). Sie empfand es als nur angemessen, wenn Herren sie zum Essen einluden, denn sie gebe Geld für ihr gutes Aussehen aus und er könne dann ruhig Geld ausgeben für das Ambiente, Getränke und Essen. Ich empfand diesen Deal in gewissem Maße als durchaus fair. Und ich empfinde es heute als fair, wenn mein eheliches Gegenüber ebenfalls Geld für sein gutes Aussehen ausgibt. Und eines habe ich daraus gelernt: Man darf es sich wert sein.
Wenn ich einen Kuchen backe, dann stelle ich ihn auf den schönen Tortenständer. Wenn ich meine Augenringe mal nicht sehen will, dann müssen die Kinder mal 5 Minuten länger warten, bis ich die Schatten in meinem Gesicht unter Concealer und Foundation und Puder versteckt habe. Und wenn ich will, dass Leute auf der Straße nur meine eigene Aussage haben dazu, dass ich Makeup trage, dann müssen die Kinder eben 10 Minuten warten, bis ich alles schön hübsch verstrichen und eingeklopft habe. Ich würde immer noch nicht in hohen Pumps und eleganten Kleidern und perfekt bis in die Haarspitzen aus dem Haus gehen, aber wenn mir danach ist den schönen Rock zu tragen, dann tue ich das. Auch wenn er teuer und eigentlich für elegantere Gelegenheiten als den Gang zum Kindergarten gedacht war.

InsideInteressanterseits: Transparenz

Jetzt ist der Mai fast rum und ich habe gar nichts mehr geschrieben, dabei hätte ich noch einiges zu schreiben. Aber so läuft’s. Daher heute ein paar kurze Neuigkeiten aus meinem Leben bzw. von meinem Blog. Oder besser: Informationen.  Denn ’neu‘ ist daran gar nichts.

Ich folge ja so einigen Blogs im Internet und eifere ihnen in so ziemlich überhaupt nichts nach. Was ich aber sehr bemerkenswert finde, ist, wenn Berufsblogger offen über ihre Einnahmen und ihr Geschäftsmodell reden. Deshalb dachte ich, dass ich das doch auch mal machen könnte. Transparenz schaffen und zwar nicht nur mit halbdurchsichtigen T-Shirts, die bei diesem Wetter zugegebenermaßen gleichzeitig sehr angenehm wären und für mich vollkommen untragbar sind.

Also lieber Transparenz bezüglich meines Geschäftsmodells und so.

Ich habe in unserem letzten Urlaub eine Hotelangestellte zutiefst beeindruckt und wahrscheinlich auch etwas schockiert mit der Information, dass ich unsere Finanzen regle. Ich weiß nicht so genau, was daran schockierend sein soll, ab und an auf die eigenen Kontoauszüge zu schauen und monatlich auszurechnen, wieviel Geld für was aus unseren Taschen geflossen ist, aber anscheinend ist das etwas vollkommen Ungewöhnliches. Und tatsächlich gibt es gar nicht wenig (Teilzeit-)Hausfrauen, die mir schon mitgeteilt haben, dass ihre Männer das Geld heimbringen, während sie es ausgeben. Das verwundert mich. Jemanden, der oder die in einer Firma Anschaffungen macht, damit die Menschen in dieser Firma arbeiten können, nennt man meines Wissens „für den Einkauf zuständig“ oder so ähnlich. Man sagt doch nicht: „Ich arbeite in der Abteilung, die das Geld ausgibt, das die Leute aus der anderen Abteilung für die Firma einnehmen.“ Wenn man derjenige ist, der Schrauben einkauft, die dann nachher in ein Gerät eingebaut werden, das verkauft wird. Und das gilt doch auch, wenn man das Klopapier für eben jene Schraubeneinbaufirma kauft.

Ich bevorzuge jedenfalls die Formulierung „Gleichberechtigung.“ Jepp. Kurz und prägnant. Okay, vielleicht etwas zu kurz. Normalerweise sage ich, wenn mir mit dem Hinweis gekommen wird, dass „er“ ja das Geld verdient und „ich“ deshalb ja nicht zuständig sei, dass „er“ das Geld verdient, aber „ich“ es verwalte. Wir sind verheiratet. Wir haben einen gemeinsamen Haushalt. Gemeinsame Kinder. Eine gemeinsame Steuererklärung. Kurz: ein gemeinsames Leben mit gemeinsamen Aufgaben und Verantwortungen. Und demnach auch gemeinsames Geld. Und da müssen wir gemeinsam ein Auge drauf haben und damit das Auge auch etwas erkennt, stelle ich das für uns hübsch zusammen.

Was hat das jetzt mit diesem Blog zu tun? Ein bisschen etwas. Ein Teil unseres Geldes fließt nämlich in diesen Blog. Nicht (nur) im Sinne von meiner Zeit, von der ich meiner Ansicht nach zu wenig in diesen Blog investiere, sondern im Sinne von Geld. Ja, ich zahle Geld für diesen Blog und nehme absolut keines über ihn ein. Und ich plane auch nicht über diesen Blog Geld zu verdienen. Ich bewerbe ihn nicht und ich zahle das Geld, damit WordPress auf diesem Blog keine Werbung schaltet (und natürlich für die anderen Dienste rund herum). Ich sammle keine „Follower“ und „Daten“ sowieso nicht. Ich verkaufe hier nichts, sondern möchte einfach nur ein paar Texte teilen. (Falls jemand mich beauftragen möchte, etwas zu schreiben: Immer gerne natürlich, aber das wird mich nicht zu einer „Berufsbloggerin“ machen.)

Ich habe einige Gründe einen Blog zu schreiben und sie lassen sich Alle zusammenfassen in zwei Feststellungen: 1. Ich schreibe gerne. Und 2. Meine Familie wohnt zu weit weg. Ich habe diesen Blog, damit ich einen Ort habe, an dem ich ein paar kleine Texte veröffentlichen kann und damit (einige) Leute aus meiner Familie sie lesen können.

Und nur falls das hier jemand liest, der nicht mit mir verwandt ist und mich auch nicht persönlich kennt: Hallo! Schön, dass Du da bist. Für Dich schreibe ich natürlich auch besonders gerne!

Wobei das letzte ein bisschen eine Lüge ist, denn ich schreibe natürlich in Wahrheit weder für meine Familie noch für irgendeine andere Leserschaft, sondern nur für mich selbst – für Euch kopiere ich die Texte nur hier in den Blog und stelle sie online! Ich hoffe, sie machen Euch ein bisschen Freude!

Und ich wiederhole es noch einmal, was ich an anderer Stelle schon mal versprochen habe: Das hier ist für mich ein sicherer Platz im Internet. Ich möchte – auch wenn ich das vielleicht nicht immer schaffe – positiv und optimistisch schreiben. Ich möchte, dass man das hier lesen kann und davon ein gutes Gefühl zurückbehält. Jemand hat mir mal gesagt, es wäre wie in ein warmes Bad zu gleiten. Das bezog sich nicht auf meinen Blog, aber es wäre schön, wenn es so gewesen wäre.

Anders gesagt: Das hier ist ein Blog für meine Oma. (Hallo Oma!)

LandFrust: Was ich mit 21 gelernt habe

Ist es nicht einfach wunderschön, dass ich erst mit 21 so richtig begriff, dass manche Dinge nicht unabänderlich sind?
Bis dahin hatte ich einfach unhinterfragt angenommen, dass die Vanillekipferln meiner Oma A. die allerallerallerbesten auf der Welt sind, von unabänderlich gleichbleibender herausragender Qualität. Für alle die nicht wissen, was Vanillekipferl sind: ein weihnachtliches Gebäck, klein und in Hörnchenform und dick mit Puderzucker bestreut bzw. in Puderzucker gewendet. Jedenfalls macht meine Oma sie so. Unter dem Puderzucker ist ein eher sandig trockener Teig, der aber im Idealfall – also im Fall der Vanillekipferl meiner Oma A. – in Verbindung mit der dicken Schicht vanilligem Puderzucker beinahe im Mund schmilzt so mürbe ist er.
Es gibt, kurz gesagt, einfach nichts Besseres als die Vanillekipferl meiner Oma A.
Und ich hatte angenommen, dass das eine unabänderliche Tatsache auf dieser Welt sei. Ebenso sicher wie, dass jedes Jahr Weihnachten wieder kommt. (Und ja: ich weiß, dass es noch ein wenig hin ist mit Weihnachten… wir haben noch nicht mal Pfingsten… ist schon gut.) Und so sicher, wie dass jedes Mal, wenn Weihnachten da ist, in unserer Kirchengemeinde die Kinderkirch-Kinder ein Weihnachtsspiel aufführen, in dem „die Kinder aus Bethlehem“ eine tragende und zugleich vollkommen unerhebliche Rolle spielen – nur damit alle Kinder etwas sagen können und keine Schafe spielen müssen. Und ebenso unabänderlich, wie die Tradition schon mal Jacken und Gesangbücher eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes, in dem die Kinder der Kinderkirche etwas vorspielen, auf den Stühlen des Kirchenraumes zu verteilen, damit auch ja die gesamte Großfamilie dort Platz findet. Genauso verlässlich lagen jedes Jahr in meiner Plätzchendose die „Gutsle“ meiner Oma A. und extra viele Vanillekipferl, weil das eben unabänderlicherweise die allerbesten waren.
Doch dann wurde ich 21. Lernte meinen jetzigen Mann kennen und ich nehme an, dass ich schon fast 22 Jahre alt war ehe ich so richtig begriff, dass eben doch manches nicht unabänderlich ist – Weihnachten kam wieder, das Krippenspiel auch und auch die Jacken und Gesangbücher wurden zuverlässig eine Stunde vor Gottesdienstbeginn großflächig verteilt wie Handtücher an vollen Stränden – doch die Vanillekipferl… die Vanillekipferl!!!
Ich hatte meinem neuen Freund die weltbesten Vanillekipferl versprochen, die im Mund schmelzen undsoweiter, doch was bekamen wir: Ranzige Plätzchen. Eine ganze Dose voll. Ich schreibe das nicht, um mich bei meiner Oma zu beschweren. Es passiert. Man backt, man vergisst, dass das Backblech noch nicht abgespült ist. Mir ist das erst vor Kurzem (vor zwei oder drei Jahren um genau zu sein) auch passiert – nur halt blöderweise nicht als ich für meine Familie gebacken habe, die das schmunzelnd einfach hinnehmen muss, dass die Mama nicht perfekt ist, sondern als ich für Fremde gebacken habe. Womit mein Ruf als schlechte Bäckerin jetzt zementiert wäre und ich wahrscheinlich niemals wieder gefragt werde, etwas zu backen. Hat auch was für sich. Aber zurück zu den Vanillekipferln.
Mich hat nicht schockiert, dass meine Oma mal etwas backt, dass nicht gut wird. Das passiert. Es war ein bisschen peinlich für mich, weil ich ja erst kurz zuvor meinem neuen Freund eine DVD geschenkt hatte, die sich als Fälschung entpuppt hatte (lange Geschichte… vielleicht ein andermal), weil wir uns ja doch noch nicht so lange kannten, kaum uns gegenseitig unsere Familien vorgestellt hatten und jetzt, da ich mir doch so sicher war, dass Vanillekipferl zu den unabänderlichen Dingen dieser Welt gehören… und das war eben das, was mich so schockierte.
Ja es war hart und schockierend für mich herauszufinden, dass ich in einer wohlbehüteten Illusion lebe – lebe, nicht gelebt habe – denn wer sagt mir, dass mich als nächstes nicht andere Dinge im Stich lassen??
Es ist wohl ein großes Glück, dass ich erst Anfang 20 anfangen musste zu erkennen, dass es Dinge gibt, die nicht unabänderlich sind. Aber es hatte auch ganz alltagspraktisch sein Gutes: Mein jetziger Mann konnte sich an keinem Tag unserer Beziehung in der Illusion wiegen, dass ich in irgendeiner Weise ein kleines perfektes Geschöpf voll gehaltener Versprechungen bin. Eher das Gegenteil. Unperfekt mit großer Persönlichkeit, großer Familie und in dieser mehr Liebe als man irgendwem versprechen sollte.
In den nächsten Jahren waren sie wieder super. Die Vanillekipferl. Und ich genieße sie mehr denn je – wenn ich noch welche abbekomme…