LandFrust: Reportage (26/33)

Als Nebensächlichkeit Nr. 26 heute eine exklusive LandFrust Reportage!

Zur Vorwarnung: Ich schreibe über unsere persönliche Situation während der derzeit immer noch andauernden Pandemie und wie uns viele Einschränkungen aufgrund unseres privilegierten Status nicht übermäßig hart getroffen haben. Es wird ironisch. Mich über das Leiden Anderer lustig zu machen liegt mir fern. Dies ist eine kleine lustig gemeinte Reportage über meine kleine Ecke in der Welt, kritische Aufarbeitungen der globalen Situation finden sich woanders. Bitte bleibt Alle gesund und vernünftig!

Jetzt aber los. Es berichtet die beste (und einzige) Reporterin der LandFrust, nämlich ich.

*räuspert sich*

*versucht zu klingen wie eine Radiomoderatorin*

Fräulein ‚Rona hat das ganze Land fest im Griff. Doch wie wirkt sich die Krise auf jeden Einzelnen aus? Heute besuchen wir Familie Gaisburg* im Bayerischen Wald. In einer friedlichen Kleinstadt umgeben von dunklen Wäldern wohnt die kleine Familie mit zwei Kindern in einer prunkvollen Drei-Zimmer-Wohnung in bester Lage. Die Mutter Frau Gaisburg, eine kleine Frau mit Puschelhaaren und einer Vorliebe für übergroße Strickjacken und Handtuchturbane, ist dank der Pandemie damit konfrontiert darüber nachdenken zu müssen, wie viele Einzelpapiere eine Klopapierrolle zur Verfügung stellt und danach den Bedarf ihrer Familie zu errechnen. Nach längerer Reflexion und mehrerer Beratungstelefonate mit ihren Vertrauten kommt sie zu dem befriedigenden Ergebnis, dass sie sich mit diesem Problem dann auseinandersetzt, wenn die vorhandenen Klorollen zur Neige gehen, der Stapel Waschlappen vom vielen Waschen völlig zerfetzt worden ist und Toilette und Dusche sich in unüberwindbarer Entfernung voneinander befinden werden. Zufrieden mit dieser Strategie zur Überwindung der Krise packt sie ihre Einkaufstaschen ein und flaniert über das schmucke und kaum befahrene Stadtzentrum hinüber zum Supermarkt. Dort sieht sie sich der nächsten Katastrophe gegenüber: Hefe. Die allgemeine Hefedürre hat es bis hier her geschafft. Nie war etwas so günstiges so wertvoll. Die Eroberung eines Würfels ‚Frische Hefe‘ wird dann auch mehrere Wochen später von der Familie gebührend gefeiert.

Doch trotz dieser kleinen Erfolge ist auch Familie Gaisburg bewusst, dass es in der Krise nicht nur ums Hamstern geht, sondern auf Solidarität und Engagement ankommt. Daher nimmt es die sympathische, wenn auch etwas laute, Familie auf sich, sich jeden Tag im Bäcker ihres Vertrauens mit Süßem zum Nachmittagskaffee einzudecken. Ein kleiner rosa „Donaut“ für GruGru, ein großer Schritt für mehr Zusammenhalt. GruGru, der Sohn der Familie, leitet im Hauptberuf das Redaktionsteam der LandFrust (wir berichteten) und arbeitet derzeit natürlich durchgängig im Homeoffice. Die Pandemie wird diese Familie für immer verändern: in Fett ausgebackene Kringel mit Glasur und Füllung nach amerikanischem Vorbild werden für immer „Donauts“ heißen. Aber damit nicht genug.

Es ist nun Pfingsten. An die Masken zum Einkauf haben sich alle schon längst gewöhnt und auch an die ungewohnt ausgiebigen Gelegenheiten beisammen zu sein und Videos zu schauen. Selbst das Kaffeetrinken mit der Familie per Videochat ist leider längst eine von Kukus Kernkompetenzen – auch hier trifft es die Kinder am härtesten. KuKu, die Tochter und Pferde-, Raumfahrt- und Prinzessinenspezialistin der Familie (auch ihre Spitzenleistungen waren der LandFrust einen eigenen Bericht wert), muss nicht nur Videochat mit den Großeltern machen, sondern auch noch mit ansehen wie ihr neu zu erwerbender Schulranzen im Internet bestellt wird. Und dann eben Pfingsten. Frau und Herr Gaisburg, KuKu und GruGru, alle wähnten sich nun schon über dem Gipfel, von nun an nur noch freie Bahn zurück in die Normalität! Gut gerüstet durch die Krise!

Doch dann das.

Herr Gaisburg schickt sich an wie jeden Tag das Frühstück zu servieren, da entdeckt er es. Oder besser: entdeckt es nicht. Er stutzt, sieht nochmal genauer hin. Aber ja. Aus Befremden wird Befürchten aus Befürchten Sicherheit: Keine Butter mehr da.

Es ist Pfingstsonntag und es ist keine Butter mehr im Haus. Hat diese Familie nicht schon genug durchgemacht? Nun auch noch das? Zwei Tage ohne Butter!

Ja es sind die kleinen Tragödien, die uns bewegen. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

*) Die Namen wurden von der Redaktion der LandFrust geändert. Die betreffenden Personen sind der Redaktion gut bekannt. So gut, dass sie das Pseudonym aufgrund der schwäbischen Lieblingsmahlzeit der Hausfrau und Mutter ausgewählt hat. Die Redaktion geht davon aus, dass die Beschreibungen der Umstände vage genug sind, kein Mensch wird ahnen können, dass ich hier über unsere eigenen Erlebnisse schreibe.

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[Hefehörnchen? Ein wertvoller Genuss für die Familie in unserer Reportage.]

Mein Fahrrad. (25/33)

Nebensächlichkeit Nr. 25:

Die Geschichte meines Fahrrads von ihr selbst erzählt (letzter Teil)

(Hier geht es zu Teil 1, hier zu Teil 2 und hier zu Teil 3)

Am nächsten Tag musste ich dann feststellen, dass es wohl gar nicht die Aussicht auf ein repariertes Fahrrad gewesen war, die die Studentin beglückt hatte. Sondern es war die Aussicht und der Anblick gewesen, der sich mir nun bot, als ein schlanker, großer Mann zum Tor hereingelassen wurde und an mir vorbei zielstrebig im Haus verschwand.

Aber als die beiden dann gemeinsam herauskamen, da sah sie gar nicht mehr so beglückt aus, wie sie vielleicht hätte sein können, jetzt da ich doch endlich wieder auf prallen Reifen stehen sollte. Der große Mann brachte meinen Reifen im Nu in Ordnung. Seine Bewegungen, seine Handgriffe, alles saß und war so geschult und dabei sanft. Ich war ganz angetan. Eine gute Wahl, die sie da für mich getroffen hatte, nur den Besten für ihr Damenrad. Die offensichtliche Wertschätzung tat mir sehr wohl. Er stellte mich behutsam auf meine Räder. Die Tochter sah nur zu und sie schien zerknirscht. Als hätte die Reparatur doch noch etwas länger dauern können. Zwischen den beiden hing etwas unausgesprochen in der Luft. Oder vielleicht war es auch ausgesprochen und nur nicht für mich bestimmt. Ich merkte es aber dennoch. Da war etwas, nach dem sie suchte, was sie hätte sagen können, damit er blieb. Aber er war fertig mit mir und wohl auch fertig mit ihr, konnte sich nur noch nicht entscheiden zu gehen, sondern hielt mich unschlüssig am Lenker. Ich fühlte mich wie ein Kinderrad neben seinen langen Beinen.

„Jetzt kannst du es wieder fahren. Moment, ich teste mal.“

Und damit schwangen sich die langen Beine über meinen Rahmen und meinen Sattel und traten in die Pedale. Das war ein völlig neue Erfahrung. Dieser gutaussehende, große Mann. Ich wusste, dass ich für sie unter ihm besonders charmant aussehen musste und freute mich. Was für ein ulkiges Gegurke. Ein paar winzige Runden im Hof. Ein bisschen Schalten.

KRACK!!!

Diese Schmerzen!!

Es zerriss mich. So musste es sich anfühlen. Das Ende. Das war unmöglich. Kein platter Reifen fühlte sich so an. Das musste der Rahmen sein! Meine Schutzbleche mussten sich durch meine Speichen gekeilt und all meine Bremskabel zerfetzt haben. Schmerzen so unerträglich. Eine Millionen Volt in meinen Scheinwerfern. Ich wollte mich ins nächste Gebüsch werfen und auf den Sperrmüll warten. Es war so schrecklich.

„Was ist passiert?!“

Sorge in der Stimme der Studentin.

„Ich weiß nicht.“

Er stieg vorsichtig vom Sattel und betrachtete mich, die ich ihm unter Schmerzen den Lenker zu wand.

„Das Schaltwerk ist verbogen. Das ist nicht schlimm, das kann ich ersetzen. Keine Ahnung, wie das jetzt passieren konnte.“

„Ach lass doch, ich fahr nie mit dem Fahrrad.“

Ja!! Lasst mich sterben. Lasst mich hier in diesem wunderbaren Hof stehen. Für alle Zeit. Gefahren werden, heißt Schmerzen haben.

***

Das war es dann wohl gewesen mit dem Radfahrer. Der ihr altes Damenrad reparieren wollte und es dabei kaputt gemacht hatte. Sie hatte ihn in der Küche eines Studentenwohnheims kennengelernt, als Schlagzeuglehrer ihrer Freundin, aber er fuhr auch Rad. Und kletterte. Besonders im Winter. Also eigentlich hatte er sowieso keine Zeit, denn im Sommer Radfahren, im Winter Eisklettern und unter der Woche Schlagzeug in einer Band spielen, zu deren Auftritt er sie eingeladen hatte. Dann ein Date. Ein schüchternes gemeinsames Teetrinken. Vielleicht mal gemeinsam Radfahren, aber ihr Rad war kaputt. Er würde es reparieren.

Das Problem war nur: Sie hatten vor der Reparatur geredet und sie war nunmal sie selbst. Was vielleicht nicht ganz ideal gewesen war. Und auch zu jung. Und zu unfertig. Hatte zu wenig gewusst, was sie wollte und da saß plötzlich alles, was sie gewollte hatte, in ihrer Studentinnenwohnung, aber es war zu spät. Und dann hatte er das Fahrrad, statt es zu reparieren, völlig kaputt gemacht. Eigentlich so wie bei ihr, statt ihre eigenen Wünsche kennenzulernen, war sie nur bis zu diesem Punkt geschlittert und hatte sie erst erkannt, als sie mit Enttäuschung in den Augen vor ihr saßen. Da war es dann zu spät. Und jetzt konnte sie ja schlecht noch was sagen. Noch mehr von sich ihm aufzudrängen, das ging nicht. Also war das wohl vorbei.

Sie wäre jetzt gerne durch diese herrliche Stadt geradelt, um auf andere Gedanken zu kommen. Aber selbst, wenn das Rad ganz gewesen wäre, wäre radeln, um auf andere Gedanken zu kommen, genau das, was er wohl auch machen würde. Und da war er auch wieder. In ihren Gedanken. Das ging so nicht. Traurig ließ sie das Rad dort stehen, wo es stand. Mit vollen Reifen aber mit völlig verbogenem Schaltwerk. Und sie ging zur Uni. Lernte Vokabeln. Lieh Bücher aus. Übersetzte. Studierte. Machte, was man so macht. Trank Kaffee und traf sich mit anderen. Und gerade als sie dachte, sie würde nicht mehr daran denken, dass es da einen schlanken Schlagzeuger gab, der auch manchmal Räder reparierte, wenn er nicht beim Klettern war, kam eine SMS.

„Das geht so nicht. Das mit dem Rad. Ich richte dir das!“

Später würde er sagen, dass er froh gewesen war, einen Grund für ein weiteres Date gehabt zu haben. Später würde sie sagen: „Wir haben uns in der Küche einer gemeinsamen Freundin kennengelernt und dann wollte er mein Fahrrad reparieren und hat es dabei kaputt gemacht. Das Fahrrad, das stand erst bei meiner Tante und wurde nicht gefahren und dann stand es bei mir und wurde nicht gefahren.“ Und er würde sagen: „Nein. Dann stand es erst noch bei deiner Mutter und wurde nicht gefahren!“ Und sie würde lachen und sagen: „Und dann ist es doch noch ganz viel durch München gefahren mit mir.“ Und er würde sagen: „Weißt du noch, wie wir dann immer durch den Englischen Garten gefahren sind?“

Und sie würden heiraten und Kinder bekommen.

***

Ich mochte es hier. Zwischen Kinderanhänger und Lastenfahrrad an der Wand zu hängen. Keine Sorgen mehr. Einen hübschen neuen Sattel hatte ich bekommen. Schöne Satteltaschen. Aber wegen der Schwangerschaften, hatte sie mich dann doch beiseite gestellt. Doch, ich mochte es hier. Hübsche lockige Kinder, die ab und an hereinschauten und uns bewunderten. Uns Fahrräder, die wir hier liebevoll gepflegt wurden von diesem schlanken, großen Mann, den ich sofort als echten Fahrradspezialisten erkannt hatte, einer, der es gut mit uns meint. Hier gefiel es mir.

So konnte es bleiben.

(Hier geht es zum Anfang der Geschichte, hier zu Teil 2 und hier zu Teil 3.)

 

Mein Fahrrad. (24/33)

Nebensächlichkeit Nr. 24:

Die Geschichte meines Fahrrads von ihr selbst erzählt (Teil 3)

(Hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2.)

Die gute Tochter konnte ja nicht wissen, dass ich ein selbstzufriedenes ruhiges Leben schätzte. Sie riss auch mich aus meinem Fahrradständerschlaf und fuhr mit mir durch diese Stadt, die nur gemacht zu sein schien, um unter weiß-blauem Himmel über ihre Radwege zu fahren. Wenn es denn Radwege waren, ich fand, es waren Zumutungen. Von der Straße mit etwas Farbe oder einer Baumreihe abgegrenzte Zumutungen. Ich hörte die Tochter auch sich mit anderen unterhalten, dass diese Wege nur inoffiziell Fahrradwege seien, die Schilder fehlten. So konnte man das radfahrende Volk über die Straße bewegen, aber sich vor der Instandhaltung der Wege drücken. Praktisch! Voll Bitterkeit sagte sie das, dabei hätte es ihr doch klarmachen müssen, wie unsinnig ihre Bemühung war, mich tatsächlich zu fahren. Die Stadt wollte mich gar nicht auf ihren Straßen haben. Den Himmel konnte ich auch vor ihrem Haus bewundern, die alten Bauwerke, zwischen denen sie glückselig dahinradelte, die interessierten mich nicht. Sie hätte sie doch auch zu Fuß bewundern können. PFFFF.

PFFFF.

PFFFFFFF?!

Oh Schreck. Es war tatsächlich passiert. Das war mir noch nie passiert. Was für ein Schreck. Ein Platten! Wie peinlich. Ein platter Reifen. Bei mir! Wie kann das sein? Wie kann das nicht sein! Sie war ja selbst schuld, sie hätte mich doch stehen lassen können! So ein Unverstand! Und dann zahlte sie auch noch einem fremden Mann Geld, um einen neuen Reifen aufzuziehen! Was für eine Verschwendung! Sie ließ mich dann glücklicherweise eine Weile in Ruhe danach. Nicht, dass ich nicht ein bisschen froh über ihre Ausgabe gewesen wäre, denn intakt stehen, das mochte ich schon gerne. Ich wollte, dass man sieht, dass ich immer noch ein gutes Fahrrad war. Ein platter Reifen macht sich einfach immer schlecht. Dennoch. Das Geld hätte sie sich mit einfach gar nicht fahren sparen können. PFFF.

Upps.

Naja, wenn ich weiter hier ruhig stehen könnte, dann würde das schon niemand merken. Sie blieb ja doch immer lange weg. Übernachtete gar auswärts. Da würde sie mich ja wirklich nicht mehr brauchen. Ich konnte mich entspannen. Soweit das eben aufrecht stehend möglich war. Unter einem kleinen Dach, vor einem Betonbau. PFFF. Ein bisschen sackte ich ja doch schon wieder ein. Aber man muss genießen was man hat, nicht an dem herummäkeln, was einmal besser gewesen war. Wie die Dichtigkeit meines Reifenmantels. PFFF.

Die Tochter und Studentin stand eines Tages mit merkwürdig geschlitzten Augen und gerunzelter Stirn neben mir. Kritisch. Meine Hoffnung unbemerkt von nun an meine Tage hier abzusitzen, oder eher abzustehen, durchzustehen, denn es war doch unbequem geworden auf dem platten Reifen, die Hoffnung war dahin. Sie hatte einen Fahrradkorb am Arm hängen, meinen Fahrradkorb. Ich hatte gar nicht mehr gewusst, dass es den noch gab. Nie verwendet, war er wohl mit hierher umgezogen worden. Aber statt ihn mir auf den Gepäckträger zu klemmen, starrte sie meinen platten Reifen an und holte ihr Telefon aus der Tasche.

„Du. Ich hatte doch gesagt, ich hab ein Fahrrad. Und wir könnten mal zusammen fahren, weil ich doch den Platten hab flicken lassen. Naja. Also. Der Reifen ist schon wieder platt.“

Sie lauschte einen Moment in das Gerät.

„Das würdest du machen? Das wäre voll nett. Danke schon mal!“

Eine weitere kurze Pause.

„Ja. Morgen hätte ich Zeit. Bis dann!“

Und dann grinste sie mich an. Ich ahnte Schlimmes. Ich wusste zwar nicht, warum irgendwer so bescheuert grinsen musste, nur weil man sich das Geld für eine Fahrradwerkstatt sparen konnte, aber sei es drum. Sie ging unverrichteter Dinge samt Fahrradkorb wieder ins Haus, aber beschwingt. Es ist ja doch schon schön, jemandem so eine Freude zu machen. Wenn ich gewusst hätte, dass ein nicht nur unbewegtes sondern auch unbewegliches, weil reifengeplättetes Fahrrad ihr so viel Kummer bereitet hatte, dass sie nun dümmlich grinste vor Glück, wo jemand ihr versprochen hatte, mich zu reparieren. Ja, wenn ich das gewusst hätte. Aber ich hatte das ja nicht gewusst. PFFF.

(Hier geht es zu Teil 1. Hier zu Teil 2 und hier zum nächsten und letzten Teil.)

Mein Fahrrad. (23/33)

Mögt ihr sie schon? Mein Damenrad? Hier geht es weiter.

Nebensächlichkeit Nr. 23:

Die Geschichte meines Fahrrads von ihr selbst erzählt (Forsetzung)

(Hier geht es zum ersten Teil.)

In der Zwischenzeit war das mit dem gender aufgekommen. Nicht mehr nur bewegte Damen, oh nein. Die „Dame“ an sich wurde hinterfragt und da gab es jetzt Herren, die gar nichts mehr dagegen hatten Damenräder zu fahren. Wie gut, dass mein Rahmen so klein war, dachte ich. Doch selbst das, so munkelten die Autos vor der Garage in der ich in der Zwischenzeit stand, hielt manche Herren nicht ab. Und die Autos, die Armen!, waren doch recht weit herumgekommen, wenn sie also sagten, dass selbst eine kleine Rahmengröße einen modernen Mann nicht abschreckte… was für ein Schicksal konnte mir bevorstehen!

Sie würden in die „Uhnie“ mit Rädern wie mir fahren. Männer wie Frauen. Die Uhnie, das war ein Ort den ich zu fürchten lernte. Ein Ort an dem es ganze Meere von Rädern gab. Dicht an dicht mussten sie dort stehen. Die jungen Leute fuhren ihre Räder in Massen dorthin und ketteten sie aneinander. Wildfremde Räder standen da Rahmen an Rahmen, Pedale wild gekreuzt! Große matronenhafte Hollandräder mit großen Fahrradkörben neben kleinen schlanken Rädern mit fixer Nabe oder eben neben alten Damenrädern. Besonders die seien beliebt, flüsterte mir ein Auto hämisch zu. Und den ganzen Tag seien sie dort unterwegs an der Uhnie. Morgens um 8 wurden sie in das eine Gebäude gefahren, im Innenhof abgestellt neben lauter schwatzhaften anderen Rädern, um 10 ging es weiter eine viel befahrene Straße entlang, quer durch die Stadt. Und so im Zweistundentakt weiter und dann gegen Abend noch an den Fluss. Dort in die Wiese gelegt, rundherum feiernde Menschen und dann nachts leicht schwankend nach Hause, zwischen hupenden Autos und den blinkenden Lichtern der großen Stadt. Der einzige Hoffnungsschimmer – auch von dem erzählte mir das Auto und es konnte nicht wissen, dass das ein himmlischer Gedanke war – manchmal wurde so ein Damenrad nicht geklaut, sondern einfach irgendwann vergessen. Vergessen! Wie herrlich! Niemand will etwas von einem, man steht in aller Ruhe, wendet sich nach innen, ignoriert das Kommen und Gehen inmitten des großen Fahrradständerheers. Das wäre dann meine Hoffnung. Sollte das Schicksal mich in die Hände einer Studentin tragen. Oder eines Studenten, ich musste der Realität ins Katzenauge blicken. Wenn schon Uhnie dann so: Vergessen an einem der überlaufenen Fahrradständer.

Und es kam tatsächlich wie es kommen musste. Meine Befürchtungen erfüllten sich. Ich musste an die Uhnie. Denn die Dame schenkte mich ihrer Tochter. Und die stellte mich vor ihre Studentinnenwohnung in den Ständer. Ein Ständer in dem die Fahrräder hochkant standen, aber immerhin standen. Was für eine Erleichterung! Doch auch was für ein Betrieb. Morgens Arme, die meine Radkollegen und -kolleginnen herunternahmen. Beine, die mit ihnen wegfuhren. Nachmittags schwere Taschen in den Körbchen. Ich machte mich schlank und stand ganz außen. Leicht beregnet, aber ansonsten in meiner Ruhe. Die Tochter kam und ging, aber ich stand weiterhin hier unbeachtet. Unbeachtung ist Ruhe. So konnte es bleiben. Sie tätschelte manchmal meine Flanke und flüsterte mir zu, dass es ihr wirklich leid täte, aber um über die Straße hinüber ins Uhnie-Gebäude zu kommen, brauche sie nunmal kein Fahrrad. Wie war ich froh. Hätte ich ihr doch nur zu verstehen geben können, dass es ganz in Ordnung war. Aber immer wieder sah ich ihren Blick, wenn sie zur Tür herauskam und mit Umhängetasche und Wasserflasche davonging. Sie schämte sich. Sie missverstand mich! Sie streichelte meinen Sattel und versprach, dass wir uns einmal München ansehen würden, aber dass sie dann immer lieber U-Bahn fahren würde, dabei könnte sie doch Geld sparen, wenn sie mich mitnähme. Unnötige Scham! Unnötige Sorge! Ich war ein altes, würdevolles Damenrad, ich brauchte keine junge Studentin, um meinem Leben Sinn zu geben, aber das dachte sie. Sie dachte, es sei doch eine Schande hier herumzustehen als Fahrrad. Pah! Schande! Eine Schande ist es doch angewiesen zu sein auf den Nutzen der Menschen. Wie stolz waren die alten klapprigen Räder, die Tag ein Tag aus, aus ihrem wohlverdienten Ständerschlaf gerissen wurden, darauf NÜTZLICH zu sein! Nützlich! Als sei mein Wert nicht unabhängig davon. Als könne ich mir nicht selbst genug sein! PFFFFF.

Aber was half es.

(Erster Teil hier und nächster Teil hier.)

[Das Beitragsbild macht so langsam Sinn… ich in München, zur Zeit als ich das Fahrrad… aber das führt jetzt zu weit.]

Mein Fahrrad. (22/33)

Nach langer Wartezeit endlich mal wieder eine neue Ausgabe meiner fiktiven Lieblingszeitung „Die Neue Landfrust“. In Form einer kleinen Fortsetzungsgeschichte, die hier beginnt.

Nebensächlichkeit Nr. 22:

Die Geschichte meines Fahrrads von ihr selbst erzählt.

Ich komme noch aus einer Zeit in der man „Damenrad“ sagte. Oder zumindest sagte ich das. Ich hatte es erlebt, wie die Damen alle bewegt wurden. Frauenbewegung nannte sich das. Und da fuhren sie alle mit ihren bunten weiten Pullis, ihren Föhnfrisuren und ihrem Fahrrad zu ihren Frauentreffs und waren emanzipiert. Das war ja so meine Jugend. Aber ich hab mich immer Damenrad genannt, weil ich das Damenhafte mochte, auch wenn das wohl aus der Mode gekommen war. Ich mag, dass mein Rahmen extra so gemacht ist, dass sich ein langer Rock nicht verheddert. Auch wenn die meisten Damen das gar nicht mehr trugen so unbedingt. Aber dafür fuhren sie Rad und wie. Radfahren wie verrückt und die Wälder retten und weniger Auto fahren. Den Wald und die Luft und dass die Flüsse nicht mehr vergiftet sind. Und ich war ja noch so jung damals. Stand glänzend und neu dazwischen. Ein modernes Rad für eine moderne Dame.

Wobei meine moderne Dame mich eigentlich nie fuhr. Das war ja das Beste an dem Ganzen. Ich konnte in Ruhe Zuhause stehen und nachdenken. Keine Sonne bleichte meinen Sattel aus und keine Kieselsteine zerkratzten meinen Lack. Metallic rosa. Ich war wirklich ein sehr schickes Rad. Und es war ein herrlich entspanntes und ein schönes Leben im Keller. Nicht gefahren werden, das ist doch wahrhaft damenhaft! In der Stille reflektieren können. Nicht dämlich in der Gegend herumgondeln müssen und gar an fremden Orten angeschlossen werden!

Ich komme ja noch aus dieser Generation in der man Wegfahrsperren hatte. Bei mir musste man eigentlich nie eine große unschöne Kette mitschleppen. Ich bringe die Sicherheit mit. Fest verbaut an meinem Hinterrad. Aber selbst diese brauchte ja niemand im sicheren heimeligen Keller. Hach! Was für ein Leben voller Müßigkeit und Ruhe!

Aber dann: Oh Schreck. Meine Dame verschenkte mich an ihre Schwester. War ich nicht jahrelang brav bei ihr gestanden? Hatte ich nicht treu und loyal meine Reifen still gehalten? Ich hatte keine Unfälle gebaut! Sie nie abgeworfen! War nie geklaut worden! Gut, ich war auch eigentlich kaum je gefahren worden. Aber dann das! Ein neuer Keller. Eine neue Dame. Ich befürchtete das Schlimmste! Vielleicht war es eine … ich wagte es kaum zu denken … Berufspendlerin!! Eine die täglich Rad fährt! Vielleicht gar Schotterwege! Knirschend und unsicher, solche auf denen meine Bremsen schliddern. Nicht, dass sie mich gar für ein Mountainbike hält! Oder überhaupt „Bike“ sagen würde. Oh Graus! Ich bin ein Damenrad. Ein häusliches dazu. Man kann ja nie wissen bei den Damen von heute!

Aber ich hatte Glück. Auch meine neue Besitzerin fuhr mich nicht. Jahrelang fuhr sie mich nicht. Das war herrlich! Die Herrenräder neben mir, ach was sag ich, es waren junge Burschen keine Herren. Mit hohen Rahmen in grellen Farben über die sich Jungenbeine schwangen. „Cool“ wollten die sein und sie wurden gefahren wie wild. Aber ich brauchte mich nicht zu fürchten. Sie erzählten von dem turbulenten Leben draußen. Wie sie zwischen Inlineskates und Bobbycars gefahren wurden. Ich hörte geduldig zu, den Gepäckträger keusch gefaltet und musste meine Speichen nirgendswohin bewegen. Das Leben war weiterhin schön und ruhig, so wie ich es mochte.

Das war so der längste Teil meines Damenradlebens, ein würdevolles Leben. Beschaulich und damenhaft. Es hätte bis zur Schrottreife, bis zum rostbedingten Ruhestand so bleiben können. Niemals hatte ich Angst vor dem Schrottplatz oder vor dem Zerlegtwerden. Denn was ist das schon anderes als ein endloses Stehen im Ständer. Eine herrliche Ruhe. Ich hätte dem mit verstaubtem aber intaktem Rücklicht, mit stumpfblinkendem Scheinwerfer und leise surrendem Dynamo entgegen gesehen. Ich wäre den letzten Weg mit Würde gefahren, intakt und nutzlos. Denn das war es, wie ich sein wollte.

Aber da kam die Unruhe der Menschen.

(Hier geht es zum nächsten Teil.)

[Warum das Beitragsbild mich bei meiner Hochzeit zeigt? Ihr werdet es sehen.]

LandFrust: Die Hölle. (21/33)

Auch wenn ich letztens etwas über Religion geschrieben habe (Hier.) und das hier dazu zu passen scheint. Heute geht es nicht um Glauben oder Religion. Ich verwende das Wort „Hölle“ im alltagssprachlichen, ironischen Sinne.

Und ich variiere mal ein bisschen und erzähle euch von Teufel Nr. 347 und ihrem Büroalltag. Ich erwähne Mansplaining und die Verwendung von falschen Pronomen bzw. falsches Gendern durch Andere und einiges mehr, das einen im besten Fall nur nervt, im schlimmsten Fall ins Burnout treibt.

Es ist ein ironischer und lustiger Text, seid dennoch vorsichtig bitte beim Lesen.

Nebensächlichkeit Nr. 21: Die Hölle.

In der Hölle ist immer Montag. Die Kaffeemaschine ist kaputt. Das Radio knackst und rauscht und wenn es dann mal Empfang hat, kommt diese nervige schwäbische Müsliwerbung. Aber irgendwann gewöhnt man sich an alles und dann ist der übliche Montag Montag auch einfach nur ein Montag. Alle, die Rock und Strumpfhose tragen, haben den Rocksaum beständig im Bund der Feinstrumpfhose stecken und an allen Schuhsohlen kleben beständig Toilettenpapierstücke. Wenn jemand was Süßes mitbringt, dann sind es immer die Süßigkeiten, die immer ganz unten in der Schale liegen bleiben, weil niemand sie mag und Lakritze, aber die ist immer alle, wenn die Lakritzliebhaber_innen vorbeikommen. Wenn die Computer schnell hochfahren, dann ist der Server down und wenn der Drucker genügend Papier hat, dann fahren die Laptops alle nicht hoch und wenn dann doch, dann funktioniert die Funkmaus nicht richtig. Aber irgendwann wird auch das Routine. Und so saß Teufel Nr. 347 an diesem Diensttag Montag gegen den Aktenschrank gelehnt und spielte versonnen mit dem Rad ihres umgekippten Bürostuhls. Es gibt nur solche mit vier Rollen, die extra leicht umkippen, dafür aber schwer sind und kaum auf dem Teppich rollen. Das Meeting für das sie um 5Uhr aufgestanden war und das um 6Uhr beginnen sollte, ist um 6.20Uhr abgesagt worden. Sie trug das falsche Namensschild, wie immer, und sie wird, wie immer, den ganzen Tag mit ‚Herr‘ angesprochen werden, egal wie oft sie das korrigiert. Der Ordner neben ihr auf dem Boden war voller gelochter Blätter bei denen die Löcher ausgerissen sind, wenn sie ihn falsch aufnimmt, fällt Alles heraus, heute morgen schon zweimal, weil sie ja in Eile gewesen war, wegen dem Meeting. Die Blätter auf denen sie sich gestern versucht hatte Notizen zu machen, sind vom Kugelschreiber durchgerissen  und von ihrem Füller hatte sie immer noch blaue Flecken an den Händen und die Rückseite der Blätter war unleserlich geworden, weil Tinte durchgesickert war. Aber das war sowieso schon egal, denn das Papier war vor dem Bedrucken schon bedruckt gewesen, somit ist die Rückseite doppelt bedruckt. Völlig unleserlich, insbesondere die wichtigen Stellen. Dann kam der Kollege vorbei und fragte ob sie heute Mittag zusammen essen, es gäbe Pizza und als vegetarische Alternative Wurstsalat. Die Pizzastücke werden an der Ausgabe verteilt, meistens bekommt sie Meeresfrüchte, die sie nicht mag oder Salami, aber schon kalt. Sie sagte, dass sie nicht wisse, ob sie es auf 12Uhr 30 schaffen würde und er versprach zu warten, aber wahrscheinlich wird er dann doch um 11 schon mit den anderen aus seiner Abteilung gegessen haben. Dann fing er an ihr zu erklären, dass heute eigentlich doch ein recht guter Tag sei, denn die wirkliche Hölle wären doch nur diese Sachen, die einen am effektiv arbeiten hindern, die anderen seien ja nur nervig, das sei etwas völlig anderes. Dabei deutete er auf die Laufmasche in ihrer Strumpfhose. Gestern hatte er ihr diesen Unterschied auch schon erklärt, aber da war ihr Versuch ihm zu widersprechen mit Augenrollen quittiert worden und er hatte angefangen die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch durchzusehen und auf das Ende ihrer Erwiderung mit „Mhm? Hast du was gesagt?“ geantwortet. Deshalb stand sie jetzt einfach auf und murmelte was von „Meeting. Spät dran.“ und verschwand Richtung Teeküche. Dumpf hörte sie noch „..abgesagt worden.“ Bevor es zischte, weil er sich ihre Coladose geschnappt, aufgemacht und den aufsprudelnden Schaum über ihrer Tastatur verteilt hatte. In der Teeküche hatte jemand Adventsdekorationen aufgehängt, nur die billige, die es im Großpack in den Wühltischen gibt ab Oktober. Und es war gerade so viel, dass der Raum noch ein bisschen trostloser als sonst aussah. Die kaputte Kaffeemaschine pfiff und vergoss ohne Ankündigung einen Schwall dreckiges Wasser in die schon übervolle Tasse. Diese fiel daraufhin um und zerbrach am Boden. Gedankenverloren fragte Teufel Nr. 347 ihre Kollegin Teufel Nr. 344, die sich gerade an der verschmutzten Arbeitsplatte ein Brot schmierte, ob vielleicht einfach jemand den Stecker ziehen könne. Das sei schon geschehen, seit dem würde die Kaffeemaschine ja pfeifen. Sie nickte und goss sich einen Tee auf, auf dessen Oberfläche dicke Kalkschlieren schwammen und der gemäß seines Namens „fruchtig süßer Sommertraum“ nach gar nichts schmeckte, aber sehr künstlich nach Waldbeeren roch. „Der ist bio.“, log die Kollegin noch bevor sie ihren Teller in die Spüle warf und hinausschwebte, das Butterbrot in der einen Hand, den abgebrochenen Absatz ihres linken Schuhs in der anderen. Nun allein in der Teeküche sah Teufel Nr. 347 auf dem zersprungenen Bildschirm ihres Smartphones nochmal in ihren Kalender und auf ihre To-Do-Liste. Seit heute morgen waren schon wieder 40 Emails gekommen, 20 davon Werbung, 11 von einer Mailingliste auf der sie fälschlicherweise stand, 7 von ihrer Chefin, eine mit der Versicherung, dass es nichts Neues gäbe, diese Woche, dann 6 mit „Kleinigkeiten“, die aber doch noch so schnell wie möglich zu tun wären, 2 vom Personalrat, die sich wegen der Verschlüsselung nicht öffneten. Sie verschob alle Emails aus Versehen in den Papierkorb und beschloss nur das abzuarbeiten, was sie schon notiert hatte. Das war sehr viel, aber sie konnte mit nichts davon anfangen, weil sie darauf warten musste, dass andere ihr Informationen und bearbeitete Unterlagen übermittelten.

Ein ganz normaler Diensttag Montag also.

In der Hölle kann sich niemand krankmelden oder wenn, dann nur wenn durch die eigene Krankmeldung besonders viele Leute nicht mehr weiterarbeiten können, aber Deadlines einzuhalten haben. Sie gehört aber natürlich nicht zu diesen. Teufel Nr. 352 gehört zu diesen, die sich krankschreiben können und er ist schon seit 3 Monaten krankgeschrieben. Sie war sich sicher, dass sie ihn niemals wiedersehen würde, denn mit ihm hatte sie immer am meisten gelacht.

Teufel Nr. 347 vermisste das Fegefeuer und die Ewige Höllenqual von früher. Auch das ist die Hölle, etwas vermissen, dass niemand je wirklich gut gefunden hat.

Die Hölle ist eine nervige alltägliche Nebensächlichkeit.

LandFrust: Pläne und Ziele. (20/33)

Da es jetzt nun schon ein bisschen die Runde gemacht hat, nun auch noch eine offizielle Ankündigung.

Nebensächlichkeit Nr. 20 : Pläne und Ziele. (Und ein paar Änderungen.)

Bevor ich zu meiner kleinen Ankündigung komme, möchte ich noch kurz etwas aus dem Studium erzählen. Ich hatte damals ein Seminar, in dem uns nahegelegt wurde, dass es ungeheuer wichtig sei, konkret formulierte Ziele zu haben. Große Ziele „In einem Jahr soll das und das sein“ und dann kleine Ziele, die das in Schritte aufteilen – Monat für Monat, Woche für Woche, Tag für Tag. Damit ich immer weiß, wohin ich möchte und was gerade zu tun ist.

Ich fand das ausgemachten Unfug. Blödsinn. Absolut unpraktikabel.

Und zwar aus Gründen.

Grund Nummer eins – was mich interessierte waren lauter so hochabstrakte hochinteressante Themen, die neu waren. Wie soll ich denn wissen, was ich bis da und dahin gelernt haben möchte, wenn ich den Bereich noch gar nicht kenne?! Und dann ENTFALTET sich auch ALLES im lernen. Wird immer mannigfaltiger und komplexer, zeigt neue Facetten. Pah! Monatsziele! Sobald ich anfange kann ich doch jahrelang Neues finden! Und zwar in jeder Kleinigkeit.

Grund Nummer zwei – alles ändert sich immer. Es kommen neue Themen, die wichtiger sind. Ziele werden plötzlich überflüssig. Zeitpläne ändern sich. Wie soll ich mir ein Ziel setzen und es einhalten, wenn ich doch weiß, dass es jederzeit obsolet werden kann? Warum überhaupt Schritte festlegen, wenn es doch noch andere Wege zum gleichen Ziel geben kann?

Grund Nummer drei – ALLES OBEN GENANNTE zusammen und vermischt und dazu noch dieses drohende Unbehagen, beständig Ziele nicht zu erreichen, weil sich eben Alles ändert, weil vielleicht mein Ziel von Anfang an falsch formuliert war, weil es nicht zu den realen Umständen passt, die sich erst im Laufe der Zielverfolgung zeigen.

Puh. Keine konkreten Zielformulierungen also?

Naja. (Hier schrieb ich ja schon über gute Vorsätze und so)

Denn gleichzeitig bin ich eine große Planerin. Verwende Kalender und Notizbücher. Bin also sehr wohl faktisch ständig am Ziele setzen und ändern und verwerfen und abhaken. Und wie so oft kroch durch die Praxis eine wenig Weichheit in meine Kritik, die Unpraktikabilität dem ganzen Zieleformulieren vorwarf.

Es ist doch gar nicht so blöd Ziele zu formulieren. Im vollen Bewusstsein, dass sich Pläne ändern. Dass Zielformulierungen angepasst werden müssen. Und selbst wenn ich den Weg noch nicht in allen Einzelheiten kenne, kann ich doch Meilensteine einplanen. Ich kann einplanen, wann ich innehalten möchte und bewerten, wie weit ich gekommen bin und wohin ich gekommen bin. Ich kann planen, meine Zielvorgaben zu hinterfragen.

Aber zurück zum eigentlichen und bisher völlig unangesprochenen Thema: Was ist nun meine kleine Ankündigung?

Eigentlich nichts Neues. Ich schreibe.

Ja.

Wie schon erzählt, packt mich gerade häufig die Unlust etwas für den Blog zu schreiben, aber nur aus Lust an anderen Schreibprojekten. Und ich hatte mir zum Ziel gesetzt bis zum Sommer nächsten Jahres entschieden zu haben, welches davon ein Buch werden wird.

Nun.

Es sieht so aus als hätte ich mich entschieden, bevor ich mich entschieden habe. Eines meiner kleinen Schreibabenteuer fesselt mich und ich habe das bestimmte Gefühl, dass es eine schöne Geschichte werden wird. Und da ich groß im Planen bin und immerhin schon ein Buch fertig geschrieben habe (wenn auch ein wissenschaftliches, hier der Link, könnt ihr euch einfach so runterladen. Das Buch.), bin ich einfach mal so mutig und setze mir das Ziel, auch dieses Buch fertig zu schreiben. Was dann daraus wird? Mal sehen.

Ob ich mehr Details verraten werde? Mal sehen.

Aber zumindest kann ich ankündigen: Es wird ein hübsches kleines Buch geben, das ich geschrieben haben werde.

Und dann ist da noch was.

Also.

Ich hab noch zu was Anderem „Ja“ gesagt, aber das ist noch nicht so offiziell. Aber ich weiß zumindest schon, dass mich ab jetzt und das ganze nächste Jahr Einiges recht beschäftigen wird. Und ich muss in meinem Leben dafür Platz schaffen. Daher habe ich beschlossen, von meinem wöchentlichen Dienstagsblogveröffentlichen Abschied zu nehmen. Schweren Herzens, denn es hat mir viel Spaß gemacht und ich hab ja noch eine Menge Nebensächliches über das ich schreiben möchte.

Ich habe auch noch Anderes absagen und kürzen müssen, aber ganz insgesamt tue ich das mit gutem Gewissen. Und keine Sorge: Es wird Updates geben und wenn die Zeit reif ist, erzähle ich hier auch von meinem kleinen Buch und von meinem kleinen Geheimprojekt!

Also dann, bis wahrscheinlich in zwei oder drei Wochen! (Am Dienstag an sich halte ich weiterhin fest!)

Fashionblog: Gott (19/33)

Ich möchte kurz über Religion und Glaube sprechen heute. Ich gehe nicht sehr in die Tiefe, aber wer so etwas belastend findet oder wen es einfach nicht interessiert, sollte wohl die heutige Nebensächlichkeit auslassen. Ich verwende die in meinem protestantisch-christlichen Umfeld übliche Schreibweise von G*tt. Da ich die Wahrheit nicht gepachtet habe, glaube ich nicht, dass das die ‚richtige‘ oder ‚einzige‘ Bezeichnung ist.

Nebensächlichkeit Nr. 19: Gott.

„Glaubst du eigentlich an Gott?“

Diese Frage wurde mir in meinem Studium erstaunlich oft gestellt. Und in den aller meisten Fällen habe ich darauf geantwortet:

„Ich hol mir jetzt noch was zum Trinken, soll ich dir was mitbringen?“

Nein, hab ich natürlich nicht.

Meistens hab ich gesagt: „Das ist jetzt eigentlich keine Frage für so Party-Smalltalk… wieviel Zeit hast du?“

Die Frage wurde mir auch schon ernsthaft gestellt, am Ende eines langen Abends voller Gespräche. Aber meistens tatsächlich auf Partys und mit diesem Blick, den vor allem Naturwissenschaftler gerne aufsetzen, wenn sie sich der Geisteswissenschaftlerin überlegen wähnen. Sie denken, da haben sie jetzt was Provokantes gefragt. Da wird’s jetzt ernst für die Theologin. Ja ja. Da muss sie jetzt was sagen und dann kann sie versuchen den gut gezielten vernünftigen wissenschaftlichen Fakten auszuweichen mit ihrem Kinderglauben. Ah. Upps. Das Wort fällt nicht im Kopf der Naturwissenschaftler, denn „Glaube“ an sich ist doch was für Kinder und Unvernünftige.

Genug gewettert.

Wäre manches anders gelaufen, wäre ich auch Naturwissenschaftlerin und würde nichts bereuen, aber ich hab eben mein Herz an die Literatur verloren und irgendwann mitbekommen, dass „die Bibel“ ja auch ein Buch ist und dass es recht interessant sein kann, sich mit seiner eigenen religiösen Tradition und seiner kulturellen Herkunft zu beschäftigen. (Erleichternd dazu kam meine Faszination mit der Ägyptologie und der Judaistik und naja… das sogenannte Alte Testament… ja ich sollte einmal ausführlich über die biblischen Texte etwas schreiben, aber nicht heute) So oder so, ich habe auch evangelische Theologie studiert und bin dabei in den zweifelhaften Genuss gekommen, immer wieder von Nicht-Theologen (und es waren immer Männer) gefragt zu werden, ob ich eigentlich an Gott glaube.

Und da das ja anscheinend eine interessante Frage ist, dachte ich, ich beantworte sie hier einmal. Also ernsthaft. Nicht nur mit mäandernden Ablenkungen und in Nebendiskussionen. Wobei das natürlich eigentlich die einzige Art ist diese Frage zu beantworten. Nämlich aufzuzeigen, dass die Form der Ja/Nein-Entscheidungsfrage fehl läuft.

Denn zumindest für mich (und ich weiß zufälligerweise relativ sicher, dass es für viele gläubige Menschen auch so ist) ist das „Ja“ auf diese Frage ein immer und immer wieder erkämpftes „Ja“. Zumindest immer mal wieder. Manchmal ist es ein leichtes „ja!“ zu sagen, in einer wohligen Glaubensgewissheit. Manchmal ist das „ja“ einfach da. Aber ganz insgesamt ist das eine so große Frage. Eigentlich mehr ein Prozess. Ein beständiges Fragen. Und oft genug ist die Antwort auch „nein“. Natürlich wird da jetzt der wissenschaftsmethodisch korrekte Naturwissenschaftler auf der Party sagen: Jedes Ausweichen ist doch eigentlich ein „Nein“, denn da bricht dir doch die Basis für das Theologiestudium weg. Und da sag ich dann: Naja. Fast.

Denn das Zweifeln gehört zum… nein ich sag jetzt nicht ‚Glauben’… zum Menschsein dazu. „Glaube“ ist doch, so wird doch gerne gesagt, „Nicht Wissen“. Und gerade das ist das Wichtige. Das heißt nämlich auch, dass alles Wissen mir den Glauben nicht ersetzen, nicht bringen und auch nicht nehmen kann. Und ganz nebenbei erwähnt, geht es im Theologiestudium sehr viel um Wissen. Da gibt es eine Menge zu lernen und eine Menge Wissen anzuhäufen. Ob da ein bisschen Glaube irgendwo versteckt ist und gefunden werden kann, ich weiß es nicht. Für mich war es das. Ein bisschen „Glaube“ hat mich im Studium dann schon gefunden. Hat mich gefunden. Nicht ich ihn. Glaube ist in seinen Auswirkungen in seinen Ritualen und Traditionen etwas sehr Menschengemachtes, aber unter all dem steckt darunter das religiöse Erleben des Einzelmenschen und das geschieht mit dem Menschen. Der Mensch kann sich nur öffnen dafür.

Aber genug in diese Richtung gestochert. Wie ist das also: Glaubst du eigentlich an Gott?

Ich erinnere mich noch gut an ein Mal, da hab ich diese Frage wirklich zugelassen. Es war eben nach einem langen Abend voller ernster Gespräche und ich hatte das erste Mal das Gefühl, dass eine ehrliche Antwort auch gehört wird. Ich erzählte zuerst, wie ich gerne ablenkte bzw. wie ich versuchte meinen sonstigen Fragestellern erstmal nahezubringen, WAS genau sie da fragen. Aber mit Blick auf den langsam dunkler werdenden Himmel und den Scherenschnitt der Bäume davor sagte ich:

Zumindest kann ich nicht „Nein“ sagen, solange ich noch Hoffnung habe.

Eines der allseits beliebtesten Bibelzitate ist doch „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Korinther 13,13) Was oft übersehen wird, ist, dass das ein endzeitliches Zitat ist. Es geht um das was bleibt. Und das ist doch ein schöner Gedanke, dass letztendlich die Liebe die Stärkste bleibt. Und so spüre ich deutlich Liebe in mir und ich spüre deutlich die Hoffnung und wenn dann alles hart auf hart kommt, kann ich irgendwie den Glauben nicht verlieren, solange ich die zwei anderen habe.

Und damit stelle ich hier ganz nebensächlich so eine große Frage ins Internet. Es tut mir aber nicht leid. Ich glaube tatsächlich, dass die Frage nach Gott gänzlich nebensächlich ist. Viel wichtiger ist doch, die Hoffnung und die Liebe.

Ich hoffe, ihr holt euch jetzt alle noch ein Getränk eurer Wahl und stoßt an und lasst euch von mir nicht die Party verderben.

LandFrust: Unlust (18/33)

Nachdem ich letzte Woche „nix“ geschrieben habe, schreibe ich heute über Unlust und Langeweile.

Nebensächlichkeit Nr. 18: Unlust.

Die jeweils aktuelle Ausgabe meiner fiktiven Zeitschrift LandFrust schreibt sich eigentlich von alleine. Da ich mich an die und um die absolute Themenlosigkeit heran und herum schreibe und mir selbst ausdrücklich Nebensächlichkeit und Bedeutungslosigkeit auferlegt habe, habe ich eigentlich selten Probleme „etwas“ für den Blog zu schreiben. Aber in letzter Zeit habe ich einfach keine Lust. Oh, nicht dass meine letzten und nächsten Texte nicht gut wären! Ich finde sie super.

Lasst mich erklären.

Ich gehöre zu den Menschen, die sich eigentlich nie langweilen. Mein Kopf ist zu langsam, aber auch zu voll, als dass es mir langweilig werden könnte. Anders gesagt: Ich kann Langeweile genießen. Langeweile schafft – gut zu beobachten an kleinen Kindern – notwendige Freiräume im Kopf, die gefüllt werden können mit Neuem. Oft Blödsinn. Aber neu und frisch und notwendig für Kreativität. Unlust wiederum ist unkreativ. Sie setzt danach ein, wenn da etwas ist, dass zu tun wartet, vielleicht sogar etwas, das neu und aufregend ist, aber die Unlust verhindert es.

Einerseits gibt es die Kreativität stimulierende Langeweile, die also mit Blick auf dieses schöpferische Potenzial zu entschuldigen ist. Andererseits gibt es die böse Unlust, die zur Starre verdammende und zu verdammende Unlust, die das Gute ungetan sein lässt. Interessanterseits möchte ich aber für beide eine Lanze brechen. Langeweile und Unlust. Denn wie soll das auch getrennt werden in einer Welt, die es gar nicht ermöglicht, dass Langeweile aufkommt, wo Kindergartenkinder Terminkalender brauchen oder bräuchten und Erwachsene sich schuldig fühlen, weil sie sich in ’nur‘ einem Bereich engagieren, obwohl es doch so viele Baustellen gäbe. Da muss die Unlust ja als Retterin kommen und die Langeweile im Angesicht der vielen ‚Aufgaben‘ ermöglichen.

Aber zurück zu meinem Blog. Für mich steckt in der Unlust auch immer eine Warnung. Nämlich die Frage: Das und das müsstest du tun – warum willst du es nicht tun? Zumeist begnügt sich die Unlust mit keiner Antwort. Aber zur Zeit, wenn ich keine Lust habe für den Blog etwas zu schreiben, dann grinsen wir gemeinsam. Die Unlust und ich. Denn zur Zeit ist es die Lust am Schreiben, die mich abhält zu schreiben. Die Unlust diese netten Textchen hier zu schreiben, resultiert aus der unbändigen Lust andere Texte zu schreiben. Solche, die hier nicht so recht hinpassen. Und das ist gut!

Spätestens in der Überarbeitungsphase habe ich dann eh wieder Wörter über, keine Sorge und dann dreht sich die Unlust und ich werfe die virtuelle Druckerpresse an und haue eine LandFrust nach der anderen raus! Aber dann werde ich kein gutes Wort mehr über die Unlust verlieren!

Aber bis dahin wird mir nicht langweilig. Es gibt Geschichten zu erzählen (selbst wenn das Publikum nur ein Blatt Papier und mein Füller ist).

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[Dieses Bild zeigt mich in einer Art Büro. Gestaltet für eine Art Schnitzeljagd auf der die Teilnehmenden Formulare ausfüllen mussten in einer fiktiven und etwas chaotischen Verwaltung. Mein Büro war unbesetzt. Ich war die Schwangerschaftsvertretung. Und die Aufgabe der Teilnehmenden bestand darin eine Nummer zu ziehen und zu warten. Das war’s. Mehr nicht. Die Leute saßen also vor mir und langweilten sich exzessiv. Nebenbei spielte dudelige Musik und ich ging immer mal wieder zu einer „Kollegin“ ins Nebenzimmer und beschimpfte sie keifend (und sie mich, während sie sich immer und immer wieder die Nägel lackierte). Ich hätte nie gedacht das ‚Langeweile‘ spielerisch zu gestalten so lohnenswert sein könnte.]

Fashionblog: nix (17/33).

Das hätte ich jetzt auch „des Kaisers neue Kleider“ nennen können. Aber das ist irgendwie unkreativ. Oder?

Also Nebensächlichkeit Nr. 17: Nix.

Ausnahmsweise passt das mal zu meinem Vorsatz einen ‚Fashionblog‘ zu schreiben (übrigens hier eine kleine Erläuterung dazu). Nix. GAR NICHTS. Das könnte jetzt natürlich auch zu meinem Minimalismus passen. Ich habe mal den sehr weisen Satz gelesen: „Ist euch bei einem Umzug mal aufgefallen, wie schnell so ein komplett leerer Raum geputzt ist?!?“ Stimmt irgendwie. Wo nichts ist, da gibt’s keine Ecken und Kanten in denen der Staub hängt.

Und da fällt mir noch dieser Satz ein: „Wo nichts ist, da kann auch nichts hängen!“

Noch so ein weiser Satz. Dieser allerdings eher falsch. Nach jahrelangen Hallenbadbesuchen in München kann ich berichten, dass auch an sehr dünnen und sportlichen alten Menschen „was hängt“. Haut. Badekleidung. Enkelkinder.

Andererseits: Wo nichts dran hängt, da kann mensch auch nicht falsch angezogen sein. Nackt geht ja eigentlich immer, solange es nicht zu kalt ist.

Ich erspare euch die Geschichte, wo ich mal den Zeugen Jehovas nackt, nur mit Zahnbürste bekleidet, die Tür aufgemacht hab.

Denn eigentlich wollte ich ja heute nix schreiben.