Schauspielerin (32/33)

Nebensächlichkeit Nr. 32: Schauspielerin. Es gab eine Schauspielerin, die meinen Namen trug. Oder vielleicht gibt es sie noch, die den Namen trägt, den ich mal getragen habe. Und dann gab es diese andere Frau, die auch so hieß wie ich, auf die dann meine Oma angesprochen wurde. So oder so, ich hatte meine kleinen Doppelgängerinnenmomente und jetzt dachte ich, wäre es doch mal nett die Bankangestellte Laila einen dieser Momente so richtig durchleben zu lassen. Das Beitragsbild, das ihr vielleicht gesehen habt, zeigt mich in einem Londoner Cafe, hat also überhaupt nichts mit dieser Geschichte zu tun. Außer Kaffee. Kaffee ist immer wichtig.

Und worum geht es dann heute? Um eher unvernünftige Entscheidungen und so tun als ob man wer anders wäre, niemand verliebt sich, aber es gibt ein Happyend. Vielleicht muss ich noch erwähnen, dass die Geschichte in der Zeit vor der weiten Verbreitung von Smartphones spielt, als prominente Frauen und solche, die sich dafür hielten, Leggins, große Schals und große Taschen trugen. Aber das nur am Rande. Also los: Schauspielerin.

Laila war ihrer Doppelgängerin das erste Mal im letzten Jahr an der Schule begegnet. Da war ihre Oma mehrfach von Nachbarinnen ganz aufgeregt angesprochen worden, sie hätten Laila in der Fernsehzeitung gesehen. Sie würde ja richtig Karriere machen im Fernsehen. Seit dem wusste Laila, dass es da eine Laila gab, mit dem selben Nachnamen wie sie, aber ein paar Jahre älter, die Schauspielerin war. Wobei so richtig begegnet war sie ihr damals natürlich nicht, sie hatte im Internet nach ihrem eigenen Namen gesucht und sich dann einige Photos angesehen und das wars. Als dann das mit den sozialen Medien aufkam, hatte sie gelesen, was ihre Doppelgängerin so online schrieb und das war dann so ein bisschen als ob sie sich begegnet wären, nur dass diese andere Laila nie davon erfuhr. Und da diese andere Laila auch gar nicht so riesig erfolgreich war – ein weiteres hübsches Gesicht im Fernsehen, das die meisten identifizierten als: „Die hat doch auch da und da noch mitgespielt.“ oder einfach gar nicht erkannten – war Laila in ihrem Alltag zumeist von Verwechslungen verschont. Vielleicht noch, dass ein neuer Kunde in der Bank zu ihr sagte: „Oh, ihr Name kommt mir so bekannt vor.“ Und dann konnte sie immer sagen: „Ja, es gibt eine Schauspielerin, die so heißt wie ich.“ Und es gefiel ihr immer ein bisschen, dass das irgendwie glamourös klang. Sie hoffte, dass jemand dann anmerken würde, dass sie selbst auch mehr aussähe wie eine Schauspielerin als wie eine Bankangestellte, aber das passierte nie. So blieb sie weitestgehend von der Namensgleichheit genauso unbehelligt, wie die Schauspielerin es wahrscheinlich blieb – zu der sicher niemand je sagte: Da gibt es doch diese in der Bank, die heißt so wie du, aber sieht dir gar nicht ähnlich. Wobei Laila schon fand, dass wenn sie die Haare hochband, sich eine Sonnenbrille aufsetzte und einen Schal umlegte, es da Ähnlichkeiten einzubilden gab.

Zumindest konnte es nicht schaden sich doch noch mal die Photos anzusehen, die diese Schauspiel-Laila letzte Woche im Internet veröffentlicht hatte. Wie sie einen Kaffee holen gegangen war und dazu eine große Sonnenbrille und eine schwarze Leggins und irgendwas Langes obenrum getragen hatte mit einem sehr großen Schal, der ihren schmalen Körper verdeckte. Laila war nicht ganz so schmal, aber sie hatte auch eine schwarze Leggins und so plüschige Stiefel. Laila zog sich sonst immer recht gedankenverloren an, aber jetzt holte sie konzentriert ein Stück nach dem anderen und kontrollierte immer wieder zwischendurch ihr Spiegelbild, das immer mehr ihrem Namensspiegelbild im Internet glich. Lippenstift fehlte noch, ihre eigene Lippenfarbe war deutlich röter… Und so eine große hellbraune Handtasche, die konnte sie sich schnell noch in der Stadt kaufen. Dann käme sie immer noch rechtzeitig.

Es hatte nämlich wer angerufen. Gestern Nacht um 4. Sie hatte die Woche am Freitagabend eher früh enden lassen und war nach einem netten Abendessen mit Freunden, schon gegen 23Uhr ins Bett gegangen. Und mitten in der Nacht wurde sie dann vom Telefon geweckt. Sie hatte sich mit Beißschiene im Mund gemeldet und eine merkwürdig wach und fit klingende Stimme hatte gefragt: „Sind Sie Laila Edina? Die Schauspielerin?“ und sie hatte „Ja“ genuschelt. Und dann: „Rufen Sie doch nochmal an, wenn es hell ist.“ Und dann hatte der Typ tatsächlich nochmal angerufen, sich ganz höflich entschuldigt und dann vorgeschlagen sich zu treffen, wegen einem „Projekt“ und sie hatte wieder „Ja.“ gesagt, aber diesmal nicht genuschelt. Und jetzt stand sie angezogen wie die Schauspielerin Laila vor dem Spiegel. Mit der dunklen Brille und wenn sie die Augen etwas zusammenkniff, fand sie schon, dass sie eigentlich ganz exakt genauso aussah wie ihre Doppelgängerin, die nur eine Namensvetterin war. Die offizielle Webseite mit Portfolio sagte, dass sie etwa 5 cm kleiner und etwa 10 kg leichter sein müsste, aber daran ließ sich jetzt nichts ändern und sie musste ja noch die Handtasche kaufen.

Die neue Schauspielerin-Laila-Handtasche war so groß, dass ihre alte Bankangestellten-Laila-Handtasche ohne Probleme darin verstaut werden konnte, aber vorsichtshalber räumte sie den gesamten Handtascheninhalt um und legte die alte Tasche zusammengefaltet ganz nach unten. Dann setzte sie sich wie ausgemacht auf die Terrasse des kleinen Cafes in dem sie sich treffen wollten und wartete. Es war ihr sehr bewusst, dass diese ganze Aktion ein riesiger Bluff sein könnte und der Typ weder der war, der er zu sein behauptete, noch auftauchen würde. Aber wer weiß. Fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit hatte sich noch nichts getan, sie bestellte sich einen großen Milchkaffee. Sie fiel gar nicht auf, dabei war sie nicht mehr Laila, die Bankangestellte, sondern versuchte von der wippenden Plüschstiefelspitze bis zur schaumbedeckten Oberlippe Laila, die Schauspielerin, zu sein. Vielleicht gelang es ihr ja so gut, dass alle ihr das abkauften? Oder vielleicht war ihre Namensvetterin doch auch nur ein normaler Mensch, der im Alltag gar nicht so sehr auffiel. Am Nebentisch saßen zwei junge Männer, es war jetzt fünfzehn Minuten nach der vereinbarten Zeit und während andere Gäste gekommen, gegangen, getrunken, gezahlt, bestellt oder sonst etwas getan hatten, hatten diese zwei, seit Laila da war, nur in ihre Tassen gestarrt und miteinander geflüstert. Sie saßen mit den Rücken zu ihr nebeneinander an einem der kleinen runden Tische. Als sie nach ihrer Ankunft die Terrasse nach ihrer Verabredung abgesucht hatte, hatte sie die beiden für ein Paar gehalten, aber nichts an ihrer sonstigen Körpersprache deutete darauf hin. Laila leerte ihre Tasse und musste ein bisschen über sich selbst lächeln. Es war genau das eingetroffen, was sie hatte erwarten müssen. Ein Typ, der am Telefon nur vage von „einem Projekt“ spricht und nach der Absprache von Zeit und Ort ganz schnell auflegen muss, noch bevor er mehr zu sich oder seinem Hintergrund hätte sagen können… Vielleicht hätte sie auch Angst haben müssen, überhaupt an so einem vereinbarten Ort aufzutauchen oder sie hätte Angst haben müssen, dass während sie hier saß ihre Wohnung geplündert wurde. Aber sie hatte keine Angst. Das einzige Gefühl, das sie hatte, war dasselbe das sie hatte seit sie Zuhause die Sonnenbrille aufgesetzt hatte: Abenteuerlust. Sollten sie doch versuchen ihre Wohnung auszuräumen, die versteckten Webcams würden ihre Gesichter aufnehmen und zwar spätestens, wenn sie – ohne Maske, um auf der Straße nicht aufzufallen – das Haus wieder verließen. Das Cafe hatte sie ausgesucht, weil seine Terrasse von einer belebten Fußgängerzone umgeben war. Und ihr Nachhauseweg würde ebenfalls nur über belebte Straßen führen, bevor sie von dort, wie verabredet, ihre Freundin anrufen würde. Wenn wer gedacht hatte, Laila wäre eine leichte Beute, dann hatte der sich getäuscht. Aber nachhaltig.

Der Kellner trat an den Tisch mit den zwei jungen Männern und fragte, ob er noch etwas bringen dürfe und der eine hob den Kopf, als wäre er aus einem Traum erwacht, und wandte sich zur Seite. Doch statt den Kellner anzusehen, schienen die Augen des Mannes direkt zu Laila hinzufliegen. Und eigentlich gab es nichts, was es rechtfertig hätte, aber dieser kurze Blickschwenk war ihr Anlass genug. Laila stand auf, ging die zwei Schritte hinüber und sagte zu dem Kellner: „Bitte bringen Sie uns doch noch eine Flasche Mineralwasser, ohne Kohlensäure, die Herren haben noch etwas mit mir zu besprechen.“ Sie umrundete die beiden erstaunten Männer, setzte sich ihnen gegenüber an den Tisch und hängte ihre neue große Tasche neben sich an die Stuhllehne. Sie ließ die Brille auf und wartete. Der Kellner kam, stellte die Wasserflasche und drei Gläser auf den Tisch und verschwand diskret wieder.

„Hören Sie… Frau… Edina.“, begann der eine, der ihr links gegenüber saß und der die nicht einnehmende Ausstrahlung eines Azubis im ersten Lehrjahr in einem Beruf, den er nicht haben wollte, besaß.

„Wir entschuldigen uns nochmals vielmals Sie heute Nacht geweckt zu haben… wir…“, der andere, der ihr rechts gegenüber saß, schien etwas älter zu sein, trug ebenfalls Hemd und Jeans und sah ebenfalls darin aus wie einer, der sich für ein Vorstellungsgespräch den Anzug seines Vaters ausgeliehen hatte.

„Ich verstehe schon.“ Laila hob beredt die Hand und unterbrach die beiden Stammler. „Sie waren noch im Jetlag und da war es Ihnen gar nicht bewusst, wie früh am Morgen es hier ist. Ist mir auch schon so oft passiert.“ Sie schenkte sich betont entspannt ein Wasser ein.

„Ja. Genau. Ja.“ Die beiden setzten sich etwas aufrechter und rückten ihre Hemdkrägen zurecht.

„Ich will auch Ihre Zeit hier nicht zu lange in Anspruch nehmen. Kommen wir also doch direkt zur Sache. Für was für ein Projekt wollen Sie mich begeistern?“, sie lächelte gewinnend und nahm ihre Sonnenbrille ab, um beide direkt anzusehen. Der linke Typ sackte direkt wieder etwas in sich zusammen und schenkte sich auch schnell Wasser ein, um irgendwohin anders als in ihre Augen sehen zu können. Der rechte Typ sammelte sich etwas schneller und verfiel auf die Idee durch aufwendiges Jeanstaschendurchwühlen Zeit zu schinden, bevor er lässig sein Handy hervorholte und die Nachrichten durchklickte.

„Moment. Man hat ja heutzutage alles auf diesen Dingern. Ich hab es aber hier… ja genau! Hier. Also. Es gibt da dieses Skript. Das ist eigentlich wie für Sie geschrieben.“ Seine Finger drückten immer wieder die Tastensperre an seinem Handy rein und wieder raus, während er (und Laila auf der anderen Seite des Tisches) darauf wartete, dass sein Nebensitzer den Faden aufnehmen würde, was dieser mit etwas Verzögerung tat, wenn auch ohne Requisitenhandy.

„Jaaaa. Das Skript. Also wirklich genial. Wie für Sie gemacht. Die Heldin. Jetzt wo ich Sie so vor mir sehe.“

Laila erlöste den jungen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln und einem: „Das freut mich aber zu hören. Mein Agent sagt mir zu oft, ich sei nichts für die Heldinnenrolle. Mir fehle das gewisse Etwas, das gleichzeitig für Jedefrau und dennoch für die Überfrau steht.“

„Das Madonnenhafte. Ihnen fehlt das Madonnenhafte. Aber welche Frau braucht Madonnenhaftigkeit, wenn sie ihre… ihre… ihre Ausstrahlung haben kann?!“

Der Handytyp hatte das kleine Gerät wieder eingesteckt und sah sie nun über gefalteten Händen sehr ernst an: „Sie wären perfekt für diese Rolle! Geben Sie mir die Nummer Ihres Agenten und ich überzeuge ihn.“

„Wir können Ihnen nicht den großen Durchbruch versprechen! So ehrlich müssen wir sein. Aber… aber… also… es ist eben mehr so ein Indie… Indiependent….film. Da können Sie ihre Ausstrahlung zeigen. Das ist wie…“ Der Handytyp unterbrach seinen Nebensitzer mit einem Seitenrempler und präzisierte: „Die große Charakterdarstellung, um die Kritiker auf ihr Talent aufmerksam zu machen! Das können wir damit schon bieten! Natürlich, wie mein Partner hier schon sagte: Den großen Durchbruch, wer kann den schon garantieren?!“

Laila trank einige Schlucke Wasser, um ihre Lippen und ihre Mimik auf diese Sache fokussieren zu können. Sie setzte die Sonnenbrille wieder auf und sah länger als unbedingt nötig zum blauen Himmel hoch.

„Schön warm für so einen Frühlingstag! Die Herren müssen entschuldigen, aber so großartig dieses Angebot klingt. Ich werde etwas Zeit zum Nachdenken brauchen.“ Mit einer schwungvollen Bewegung stand sie auf, warf einen Geldschein auf den Tisch und sagte abschließend: „Sie wissen ja, wie ich zu erreichen bin. Es war mir eine Freude. Auf Wiedersehen!“

Die beiden jungen Männer, die nach einer längeren Nachdenksekunde höflichkeitshalber auch aufgestanden waren, winkten nur ein bisschen schüchtern.

Laila schaffte es zwei Straßenzüge weit, bevor sie in Lachen ausbrach. Zuhause rief sie ihre Freundin an, wie abgesprochen, und sagte, dass der Typ nicht aufgetaucht sei, aber hier Zuhause auch alles okay zu sein schien. Und dann verbrachte sie das restliche Wochenende in Leggins und Schal und sah sich romantische Filme an und kochte sich was Leckeres. Und am Montag ging sie ganz normal zur Arbeit und Dienstag, Mittwoch, Donnerstag auch, am Freitagabend half sie die Filiale fürs Wochenende abzuschließen und am Wochenende rief der Typ mit dem Requisitenhandy an und sie telefonierten eine halbe Stunde lang und warfen hippe Filmfloskel oder das, was sie dafür hielten, hin und her. Und zwei Wochen später wiederholten sie das, aber diesmal wieder in einem Cafe und freuten sich über die irritierten Blicke ringsum.

Zwei Jahre später rief er sie immer noch ab und zu enthusiastisch an, um über „ein Projekt“ zu reden, aber für gewöhnlich drehten sich die Gespräche ihrer monatlichen Treffen nun um andere Dinge. Er hatte in der Zwischenzeit seine Ausbildung beendet und war von der Werkstatt übernommen worden und Laila arbeitete fleißig am nächsten Karriereschritt. In der Bank kamen ab und an Kunden vorbei, denen auffiel wie schick sie sich immer anzog. Aber nachdem die Schauspielerin Laila Edina nach einer Hochzeit den Namen ihrer Frau angenommen hatte und erst danach dann auch größere Rollen bekam, sprach Laila, die Bankangestellte nie wieder jemand auf ihre Doppelgängerin an.

Wasserschaden (31/33)

Meine Nebensächlichkeit Nr. 31 ist ein Wasserschaden. Diesmal in der S-Bahn. Ja, ich habe tatsächlich eine Vorliebe für Reihungen und finde den Gedanken spannend zu ein und derselben Sache, mehrere Dinge zu schreiben. Aber wenn es dann um die praktische Umsetzung geht, fällt mir natürlich nichts ein. Außer, ich versuche mir neue Geschichten auszudenken, die gar nichts mit den bisherigen zu tun haben. Dann kommt natürlich einfach die nächste Öffentlichernahverkehrgeschichte daher. Uuuuuppsi.

Heute geht es also um das vergebliche Warten auf Handwerker und um nicht erwiderte Liebe und eine (vielleicht chronische) Erkrankung wird auch noch erwähnt. Aber wie immer verspreche ich, dass ich mich bemühe ein gutes Gefühl zu vermitteln und nicht eure Ängste noch weiter zu schüren.

Und noch eine Sache in eigener Sache: Ich habe hier ganz nebenbei ein bisschen meine Schreibpraxis verändert. Habt ihr vielleicht bemerkt, aber es sollte nochmal gesagt sein: Ich schreibe hier fiktionale Texte. (Eigentlich schon immer, aber bisher schien das zumeist übersehen zu werden.) Jetzt aber los: Wasserschaden in der S-Bahn.

Ein mildes aber kaltes Nachmittagslicht tauchte die Stadt in einen milchiggoldenen Glanz, vor einzelnen Häusern waren noch die Reste von Weihnachtsdekorationen zu sehen, dabei hatte das neue Jahr schon längst begonnen. Mirianne saß in der S-Bahn. Richtung Hinaus aus der Stadt. Die Häuser zogen an ihr vorbei. Zuerst städtische schöne historische Häuser, dann städtische nichtsoschöne historische Häuser, dann vorstädtische funktionale Häuser (hier die meisten Dekorationsreste). Mit der S-Bahn aus der Stadt hinaus zu fahren, war wie eine Zeitrafferaufnahme der Stadtentwicklung zu sehen, wie die Stadt sich weiter und weiter ins Umland hinausfraß. Die ersten vor-vorstädtischen Häuser, daneben dann schon die ersten dörflichen Häuser, dann die ersten Kuhweiden. Bis zu einer Endstation zu fahren, war für Mirianne immer wie ein kurzer Ausflug aus ihrem Leben hinaus. Dabei fuhr sie dort zum Arbeiten hin. Einer der vielen kleinen Kleinstjobs, den sie ausübte, um während ihres Studiums nicht nur essen, trinken und wohnen zu können, sondern sich ab und an auch etwas gönnen. Doch in der Annahme, das auch dieser wie die anderen Kleinstjobs nicht das wäre, was sie für den Rest ihres Lebens tun würde, fühlte es sich für sie ein bisschen befreiend an. Die Fahrt hinaus eine Pause von ihrem Leben und die Möglichkeit über Alles nachzudenken. Alles, was im letzten Jahr passiert war und Alles, was das neue Jahr bringen würde. Und über Alles, das sie sich kaufen konnte, mit dem bisschen Geld, was dieser Job ihr einbringen würde. Ein Rasiermesserset, mit richtigem Messer und richtigem Pinsel schwebte ihr vor. Das war elegant und luxuriös aber praktisch. Eine Frivolität, die man sich selbst als Student nicht leistete. Deshalb dachte sie, das wäre doch das ideale Geschenk für ihn. Er beschäftigte Miriannes Gedanken auf den allermeisten ihrer Hinausausderstadtfahrten und er hatte Geburtstag Ende Januar. Mirianne freute sich darauf, ihm etwas zu schenken. Es wäre das erste Geburtstagsgeschenk, das sie ihm machte. Letztes Jahr hatte sie noch nicht gewusst, wann er Geburtstag hatte, sie hatte aber mitbekommen, wie er selbigen gefeiert hatte. Nämlich gar nicht. Beim Gedanken daran verkrampfte sich ihr Herz. Es war so unfair, dass so ein liebenswerter Mann keine Geburtstagsgeschenke bekommen hatte. Ja nicht einmal beglückwünscht und gefeiert worden war. Er hatte es ihr erst ein paar Monate später erzählt, bei einem ihrer seltenen Treffen in der Mensa bei einer Tasse Kaffee, die sie aus ihrer Thermoskanne ausschenkte. Sie sah ihn noch vor sich, die großen Hände um die Tasse gefaltet, ganz dünn und müde. Auch während der Seminare, die sie gemeinsam belegten, gefiel er ihr gar nicht. Also er gefiel ihr schon, aber sein Gesundheitszustand gefiel ihr nicht. Nicht, dass er richtig krank gewesen wäre, nur müde und überarbeitet. Über Gespräche auf dem Gang oder über nebenbei geäußerte Bemerkungen bei Gruppenarbeiten erfuhr sie immer mehr über sein Leben. Wie es seiner Freundin schlechter und schlechter ging, wie er nächtelang an ihrem Bett saß, wie er sich sorgte und grämte. Als sie sich im alten Jahr das letzte Mal gesehen und frohe Feiertage gewünscht hatten, war er optimistisch gewesen. Wie viele Studentenpaare hatten er und seine Freundin die Feiertage getrennt verbracht und als Mirianne ihm eine Nachricht zu Silvester geschrieben hatte, hatte seine Antwort ein Tag später so geklungen als sei er mit Freunden weg gewesen, irgendwo in der Einsamkeit der Natur. Sie hoffte es. Er sollte mehr Zeit für sich haben, nicht von der Pflege für eine andere Person völlig eingenommen sein. Sie zweifelte nicht an seiner Liebe, dafür hatte er einfach einen viel zu guten Charakter, aber das musste einen Menschen doch kaputt machen, sich immer nur kümmern und dann nichts zurück bekommen. Wenigstens ein richtig schönes Geburtstagsgeschenk! Sie nahm ihr Handy aus der Tasche, um nochmal durch ihre Wunschlisten zu scrollen, die sie angelegt hatte, seit sie diese fixe Idee verfolgte, ihm etwas zu schenken. Sie hatte einiges hin und her überlegt, aber das Rasiermesserset sprach sie am meisten an. Sie las gerade die Produktbeschreibung als der Bildschirm auf einen Anruf schaltete. Eine unterdrückte Rufnummer, wer mochte das sein? Ihr Finger schwebte schon über Anrufannehmen, da ruckelte die S-Bahn und sie drückte den Anruf weg. Was sollte sie machen? Sie las weiter die Produktbeschreibung, als die Meldung aufblinkte, dass ihr jemand auf die Mailbox gesprochen hatte. Bestimmt der unbekannte Anrufer! Sie rief die Nachricht ab und lauschte. Eine ältere Frau mit besorgtem Tonfall:

„Hallo? Sie hatten gesagt, ich solle nochmal anrufen, wenn es Probleme geben sollte. Schmidt hier. Aus der Schillerstraße. Es steht Wasser in meinem Bad. Schon bestimmt 10 Zentimeter hoch. Könnten Sie nochmal jemanden schicken?! Vielen Dank.“

Miriannes Herzschlag hatte sich beschleunigt, ihre Hände schwitzten. Ein Wasserschaden. Wie schrecklich… Sie brauchte einen Moment, um sich daran zu erinnern, dass der Job zu dem sie gerade fuhr, Nachhilfestunden in Latein war. Und dass sie kein Klempnerdienst war (nannte man das überhaupt heute noch so?). Und dass diese Frau nur zufällig auf ihrer Mailbox gelandet war.

Es wäre also ganz einfach, sie würde die Frau zurück rufen und das Missverständnis klarstellen, damit diese dann die richtige Nummer wählen konnte.

Ganz einfach. Ihre kleine gute Tat des Tages.

Nur: Mirianne hatte die Nummer der Frau nicht. Die Rufnummer war ja unterdrückt gewesen und erschien nicht in ihrer Anrufliste.

Aber sie könnte die Adresse und Rufnummer des Klempners, nein Sanitär…dings, herausfinden. Einfach den Namen in der Suchmaschine eingeben, es würde bestimmt nicht mehr als ein, zwei Stück mit diesem speziellen Namen geben.

Nur: Die Frau hatte den Namen nicht gesagt.

Aber es war eine ältere Dame gewesen, ältere Damen stehen im Telefonbuch. Sie hatte gesagt, sie wohne in der Schillerstraße! Das hatte sie gesagt! Und ihren Namen! Schmidt! Frau Schmidt aus der Schillerstraße, das müsste es doch eingrenzen. Einfach im Telefonbuch nachschlagen.

Nur: Die Frau hatte auf Miriannes Handy angerufen, nicht auf dem Festnetz und selbst dann. Mirianne wusste nicht, in welcher Stadt dieses Wasser in diesem Bad stand.

Mirianne war an der Endhaltestelle angekommen, stand auf, nahm ihre Tasche und löschte traurig die Mailboxnachricht.

Da stand irgendwo eine Frau 10 Zentimeter tief im Wasser in ihrem Badezimmer und wartete darauf, dass der Mensch, dem sie auf die Mailbox gesprochen hatte, käme und er würde nicht kommen. Und Mirianne konnte nichts tun. Nichts.

Vielleicht könnte die Mailbox mit ihrer Rückruffunktion zurückrufen… ach nein. Sie hatte die Nachricht ja schon gelöscht.

Mirianne stieg aus und versuchte die ganzen zwei Nachhilfestunden lang nicht mehr daran zu denken.

Als sie dann beinahe dreieinhalb Stunden später wieder aus der S-Bahn, die sie wieder Hinein in die Stadt gebracht hatte, ausstieg, waren ihre Gedanken wieder in angenehmeren Bahnen. Jetzt würde sie sich belohnen und das Geburtstagsgeschenk kaufen. In einem Laden in der Stadt, nicht im Internet. Das war doch viel schöner, so in echt Dinge ansehen zu können. Sie schloß ihre Hand um die knisternden Geldscheine in ihrer Manteltasche und steuerte zielstrebig die Fußgänger- und Einkaufszone an, als ihr Herz wieder seinen Schlag beschleunigte, diesmal aber freudig. Da stand er, mitten auf der Straße und lächelte, wie sie ihn noch nie hatte lächeln sehen. Entspannt und freudig. Er sah nicht zu ihr herüber, aber sie beschloss seinen Blick aufzufangen und ihm nochmal persönlich ein Gutes Neues zu wünschen. Noch konnte er sie nicht sehen, aber wenn sie an den Zierpflanzungen, bzw. an dem was davon noch winterlich übrig war, vorbeigegangen wäre, müsste sie in sein Blickfeld kommen. Sie umrundete die großen Pflanztöpfe, die noch gegen die Kälte abgedeckt waren, aber er war verschwunden. Die Stelle, wo sie seinen hübschen Kopf gerade noch gesehen hatte, war leer. Links und rechts auch niemand zu sehen. Erst als sie den Blick senkte, entdeckte sie ihn wieder, aber er sah immer noch nicht zu ihr, sondern hatte sein Lächeln auf eine Frau im Rollstuhl gerichtet, die ihn ebenso breit anstrahlte. Die beiden küssten sich, als wären sie die einzig wichtigen Menschen auf der Welt. Mirianne machte auf dem Absatz kehrt und ging zum nächstgelegenen Feinkostgeschäft. Schokolade kaufen.

Sie würde nie herausfinden, ob die Frau ihr Bad dann noch in Ordnung gebracht bekommen hatte, aber sie stellte sich vor, dass es nach einer gründlichen Sanierung jetzt richtig schön ist.

Das Pferd in der U-Bahn (30/33)

Nebensächlichkeit Nr. 30 ist das Pferd in der U-Bahn. Eine der Geschichten, die ich mir wie die lahmsten Treppenwitze aller Zeiten immer und immer wieder selbst erzähle.

Die Geschichte selbst ist eigentlich recht schnell erzählt.

Margot Mueller (mit u – e wenn es recht ist) nahm schon immer nach der Arbeit die U-Bahn. Das hatte sich nicht geändert als sich ihre U-Bahnhaltestelle sich aufgrund eines Umzugs geändert hatte und sie nun am Hauptbahnhof umsteigen musste. Dort war es immer sehr voll und sie hätte einmal beinahe ihren Kaffee über ihren gestrickten dreieckigen Schal geschüttet bekommen, aber für die Feierabendpendler würde sie ihre Routine nicht ändern. Und für eine Pandemie würde sie sie auch nicht ändern. Nur den Kaffee, den vierten an einem normalen Arbeitstag, der sie auf dem Nachhauseweg begleitete – halbkalt aber noch genau so belebend, dass sich daheim gut Abendessen kochen ließ – nur diesen Kaffee aus dem rosa glitzernden Mitnahmebecher, den konnte sie jetzt nicht mehr in der U-Bahn trinken. Wegen der Maske. Verdammte Tischtücher vorm Gesicht. Margot Muellers Gesicht wirkte dahinter noch kühler und ihr arroganter Blick hatte ihr eigentlich immer genug Platz garantiert, aber eben dann irgendwann nur noch bis zum Hauptbahnhof. Und dann war alles immer sehr eng gewesen. Bis zur Pandemie. Jetzt gabe es nur noch schreckliches Unangenehmsein in den Blicken. Mindestabstand ein Meter fünfzig und so Sie wissen ja. Aber Abstand gab es ja jetzt sowieso für all diejenigen, die trotzdem noch öffentlich pendelten. Manch einer schob sich noch zusätzlich entschuldigend den Schal vors Gesicht. Frau Mueller ließ ihr cremefarbenes Gestrick immer dort wo es hingehörte, auf den Schulter, die langen Fransen umwippten ihre forschen Bewegungen und ihr Nacken blieb schön warm. Morgens wenn Sie zu Fuß in die Arbeit ging – ein bisschen Bewegung am Tag darf schon sein – waren diese ganzen Pendler nirgends zu sehen, aber abends auf der U-Bahnfahrt. Da waren sie Alle. Jetzt natürlich weniger als früher und das Gesicht halb verdeckt, was ja – vom verhinderten Kaffeegenuss mal abgesehen – eigentlich was Gutes war. Nur wenn wer plappert, kann man es auch nicht mehr so genau orten und dann die Betreffenden mit Blicken töten. Das war immer sehr wirkungsvoll gewesen, so über den Rand des Kaffeebechers hinweg und hinüber starren bis das Balg still war. Aber jetzt mit den Masken, wie soll man da denn herausfinden, wer von diesen stoffelig Aneinandervorbeischleichenden (Mindestabstandtutmirleidsiewissenja) gerade sein Kind lautstark Selbstgespräche führen lässt.

„Prinzipia! Du bist die Schönste! Du hast so wedelnde Haare! So schöne Schleifen! So viel Gelassenheit! Wie eine Prinzessin!“

Welches kleine Mädchen redet da? Wie herausfinden, ohne zu zeigen, dass man es gerne herausfinden würde?

„Die U-Bahn kommt gleich, meine Süüüüße! Du brauchst aber keine Angst zu haben! Sie fährt ein und dann windet es! Da wedeln deine Mähne und dein Schweif wunderschön!!“

Es muss ganz in der Nähe quasseln. So laut und quietschig wie das plärrt. Mit wem unterhält das Balg sich überhaupt? Frau Mueller drehte sich nun doch um. Aber langsam. Nur ein wenig nach links. Keine Kinder zu sehen. Die Akustik war aber auch merkwürdig. In dem Moment rauschte die U-Bahn herein.

„Komm, komm! Da müssen wir rein. Papa, pass auf, dass Prinzipia auch durch die Tür kommt!“

In dieser Die-U-Bahn-fährt-ein,-ich-muss-zur-Tür-Bewegung fiel es gar nicht auf, dass Frau Mueller sich nochmal in die andere Richtung umdrehte. Und da wusste sie sofort, wen sie hatte reden hören. Ein schlankes, blondgelocktes Kind dessen rosa Maske mit Kätzchenmuster sich unablässig bewegte während die großen blau-grünen Augen funkelten. Frau Mueller griff unwillkürlich nach ihrem Tuch und umkrallte ihren Kaffeebecher fester, nur um sicher zu gehen, dass alles hier bei ihr seine Ordnung hatte. Denn was sie da vor sich sah, das war so gar nicht in Ordnung. Aber so gar nicht. Erst kamen die Pendler, dann die Pandemie und jetzt das Pferd. Da war das Kind, da waren die glänzenden Locken, die sich zwischen Maske und Mütze hervordrängten. Daneben stand der dazugehörige Papa, genauso schlank, aber nicht blond und bemützt, sondern stattdessen mit einem Radhelm über und einem geduldigen Gesichtsausdruck hinter der Maske. Und da war der immer noch andauernde Plappermonolog: „Die Schleifen. Du Hübsche! So wie schöne Kleider bei einer Prinzessin! Du heißt ja auch fast Prinzessin! Papa, warum Prinzipia? Warum nicht Prinzessin?“

Frau Mueller hörte nicht, ob der Papa etwas darauf antwortete, denn sie konzentrierte sich darauf rückwärts in den U-Bahnwagon zu gehen und weiterhin die Abnormität da zwischen Vater und Tochter im Blick zu behalten, die ebenfalls ins Abteil trottete. Groß und schwarz, mit rosa Zopfgummis in der glänzenden, gewellten Mähne. Ein Pferd, das Margot Mueller wissend aus seinen freundlichen Augen ansah, während es auf seinen fellbefransten Hufen zum Stehen kam. Die automatische Türe schloss sich dicht hinter dem üppigen Schweif des Tieres, während sein weiches Maul nur wenige Zentimeter vor Frau Muellers Maske in seiner Bewegung innehielt. Sie musste sich an die gegenüberliegende Tür pressen und sah sich hilfesuchend um, doch niemanden schien irgendetwas zu stören. Alle schauten immer noch unangehnem drein und versuchten niemanden anzuatmen, viele sahen auf ihre Handys. Alles wie immer, nur dass über Frau Muellers Kaffeebecher der warme Pferdeatem schwebte.

„Das ist nicht artgerechtes Reisen.“ Sie hätte beinahe angefangen hysterisch zu lachen bei dem Gedanken.

„Was heißt artgerecht?“ Die großen Funkelaugen waren auf sie gerichtet. Wenn Frau Mueller einfach nichts sagte, würde das Kind vielleicht wie sie selbst auch wieder denken, dass sie das gerade nur gedacht hatte.

„Ich denke, das einzige artgerechte Reisen, ist das Radreisen.“ Der Vater tippte sich kurz an den Fahrradhelm.

Frau Mueller beschloss sich besser auf das Festhalten des Kaffeebechers und des Dreieckschals zu konzentrieren und nichts mehr laut zu denken.

„Was heißt artgerecht?“

„Lass bitte die Dame in Ruhe.“

„Aber…“

Frau Mueller drückte sich noch enger an die Tür und versuchte woanders hin zu sehen. Das Pferd schien Interesse an ihrem Kaffee zu haben. Der ganze Wagen hatte den warmen Geruch eines sauberen Pferdestalls angenommen. An der nächsten Haltestellen stiegen Vater und Tochter samt Pferd aus.

Und mehr war es eigentlich nicht, was geschehen war. Aber jetzt fragt sich eins natürlich, was da die Pointe sein soll? Welchen tieferen Sinn möchte die Autorin mit dieser Geschichte vermitteln?

Nun.

Margot Mueller würde sich das erst Zuhause fragen. Zunächst zog sie Becher und Schal eng an die Brust und stieg an der nächsten Haltestelle aus. Und sie würde weiterhin jeden Abend die U-Bahn nehmen. Keine Feierabendpendler, keine Pandemie und schon gar kein schwarzes Pferd würden sie dazu bringen ihre Routine zu ändern. Sobald sie die Haltestelle verlassen hatte, zog sie die selbstgenähte Tischtuchmaske vom Gesicht – sie war schweißundatemdurchnässt – und nahm einen großen Schluck Kaffee. Der Becher roch ganz normal. Vielleicht war es doch nur eine Einbildung. Ein Pferd in der U-Bahn. Was für eine dumme Idee! Margot Mueller schloss tief in Gedanken versunken die Haustür auf.

Wo sind da nun die metaphorischen, tieferen Schichten der Geschichte? Die lebensdeutende Bedeutung, die sich dem verständig-poetischen Geist selbstverständlich erschließt?

Zunächst war da nur Frau Muellers gedankenverlorene Unvorsicht und damit einhergehend die nervige Nachbarin, die aus ihrer Wohnungstür heraussah als Frau Mueller gerade den Hausflur und damit Treppenabsatz betrat.

„Hallo Frau Mueller! Wie war Ihr Tag? Sie sehen ein bisschen so aus als wäre Ihnen ein Geist erschienen! Alles in Ordnung?“

Margot Mueller nahm einen weiteren Schluck Kaffee.

„Da war ein Pferd in der U-Bahn. Das ist bestimmt kein artgerechter Tiertransport.“

Die Nachbarin fing an zu lachen, musste sich dabei an den Türrahmen stützen und hörte erst auf als sie bemerkte, dass Frau Mueller immer noch im Treppenhaus stand und nicht nach diesem brillanten Witz hinauf in ihre Wohnung gestiefelt war. Die nervige unterhaltungswillige Nachbarin zog sich mühsam aus ihrem Lachanfall heraus und sagte:

„Sie haben wirklich ein Pferd in der U-Bahn gesehen. Beziehungsweise, sie sind sich nicht sicher, aber Ihre Augen haben Ihnen gesagt, dass da ein Pferd war.“

„Augen und Nase. Es roch trocken und warm nach Pferdestall.“

Frau Mueller führte den Becher mechanisch an ihre Lippen und nach einer Schweigepause noch einmal, obwohl er bereits leer war.

„Haben Sie nicht mal erzählt, dass sie ein Schwein an der Uni gesehen haben?“

„In Zimmer U3 ist ein Schwein abzuholen. Das stand mal auf einem Zettel an einer Pinnwand in der Uni. Ja.“ Die Nachbarin lachte immer noch.

„Und? War da ein Schwein?“

„Ich weiß es nicht. Ich bin nicht vorbeigegangen.“

„Vielleicht haben Sie sich das Schild nur eingebildet.“

„Ich hab das Schild photographiert.“

„Heißt nicht, dass da ein Schwein war.“

„Heißt nicht mal, dass da ein Schild war. Heißt aber auch nicht, dass da nicht wirklich ein Pferd bei Ihnen in der U-Bahn war.“

Margot Mueller wusste nicht, wo diese Konversation noch hinführen sollte und antwortete, während sie sich schon auf der Treppe nach oben bewegte:

„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“

„Ich ihnen auch Frau Mueller! Ich freu mich für Sie! Ich hatte ja nur ein Schild…“

Frau Mueller blickte nicht mehr zur Nachbarin nach unten als sie antwortete:

„Wir sind nicht alle so leicht zu begeistern wie Sie.“

Dann schloss sie mit einer heftigen Bewegung die Wohnungstür auf und verschwand Richtung Normalität und Abendessen in ihrer Wohnung.

Die nervige Nachbarin zog sich auch in ihre Wohnung zurück und dachte: „Eben. Nicht alle sind so leicht zu begeistern. Manche brauchen eine etwas nachdrücklichere Erinnerung.“ Frau Mueller sah sie danach manchmal abends in der U-Bahn sitzen, sie grüßte nicht, aber sie beobachtete, wie die Nachbarin lächelnd Vater und Tochter beobachtete, die gemeinsam das große schwarze Fahrrad über den Bahnsteig schoben. Das große schwarze Pferd, das sah Margot Mueller nur noch in ihren Träumen, aber dann musste sie auch ein bisschen lächeln, aber ohne dass es jemand sah.

Ich mag eucher Gekreische nicht (29/33)

Ein Frohes Neues Jahr an Alle! Mögen all Eure Nebensächlichkeiten wundervoll sein 2021! Heute schreibe ich ein bisschen über unser Familienleben.

Ich habe ja noch ein paar Nebensächlichkeiten abzuarbeiten und heute dachte ich, ich trage einfach mal so zusammen, was hier so alles passiert, während wir überwiegend unsere Zeit Zuhause und mit der Familie verbringen. Daher ist Nebensächlichkeit Nr. 29: Umgebungslärm.

Wer gehofft hat, das Beitragsbild wäre hier im Blog irgendwo besser zu sehen, den muss ich enttäuschen. Ich habe es auf meinem Mastodonprofil mal geteilt, aber hier in WordPress habe ich derzeit so meine Schwierigkeiten irgendwelche Bilder vernünftig zu teilen. Daher nur Beitragsbilddeko meinerseits. Was hat das mit dem Umgebungslärm zu tun? Nun. Es ist eben auch so etwas, was hier passiert. Ich katzbalge mich mit der Soft- und Hardware und versuche irgendwie bei diesem ganzen Digitalisierungsgedingse dabei zu sein. Und sei es nur für den Heimunterricht. Der bestand natürlich jetzt in den Ferien überwiegend aus „Schau Mama, ich hab dir was gebastelt!“ – „Oh. Danke. Das ist aber ein schönes Pferd!“ und „Schau Mama, das hat der Tiger Hannes für dich gebastelt!“ – „Oh. Danke. Das ist aber ein schönes Pferd!“

Pferde sind übrigens sehr laut. Das ist so eine Sache, die ich als Mama gelernt habe. Schrecklich laut. Und Gabelstapler können helfen den Tisch zu decken und dabei machen sie so ein hydraulisches „Pssschhhhddd“-Geräusch. Und Kreischen tun sie auch. Also die Pferde und Gabelstapler. Und so kommt es zu dem mittlerweile geflügelten Wort: „Ich mag eucher Gekreische nicht!“ Das sagt man immer dann, wenn man von einem Elternteil darauf hingewiesen wird, sich doch -statt durch die Wohnung zu reiten oder zu gabelstaplern- lieber mal anzuziehen. Oder Hände zu waschen. Oder zum Essen zu kommen.

Ist das nur bei mir so oder verschwimmen uns Allen die Tage? Aufstehen, Frühstück, Homeoffice, Lasst bitte den Papa arbeiten, Magst du eine Kaffeepause mit mir machen, Videokonferenz, Mittagessen, Machen wir noch zusammen dieses Arbeitsblatt zum Buchstaben B, Es sind noch Plätzchen da, Kurzer Spaziergang in der Kälte, Ich mach dann mal die Kaffeemaschine aus, Abendessen, Kinder von Bullerbü, Bett. Wochen gleiten unbesehen vorbei.

Umgebungslärm. Heute bekommt ihr von mir das, was dabei rauskäme, wenn man ein Mikrophon einfach irgendwo in meinen Alltag halten würde. Metaphorisch.

Aber es gibt auch Highlights für mich: Letztens waren wir mit einer befreundeten Familie spazieren. Da wir schon geübte Draußen-Familien-Picknicker sind, kein Problem für uns. Die Kinder sitzen brav auf der blauen Bank – das ist eine klappbare blaue Isomatte – und futtern Hefegebäck und trinken Tee, bevor sie weiter reiten und gabelstaplern. Und wir Erwachsenen unterhalten uns. Und mit unterhalten meine ich, dass ich da stehe und den befreundeten Vater beobachte, wie er überlegt, ob das Stück Käse, das er gerade auf dem Acker gefunden hat, aus der käsestückförmigen Lücke auf seinem Brötchen gefallen ist oder nicht. Der Rest wurde wohl unterhalten von meinem Lachanfall. Bevor das wieder falsch verstanden wird: Wir haben uns auch so ganz normal unterhalten, über ganz normale Dinge, wie Heimunterricht und Videokonferenzen und Digitalisierung und so.

Und Fahrräder.

Und es wird euch wundern, aber ich habe mich bei dieser Konversation nicht beteiligt, sondern für die Feststellung: „Die äußeren Umstände könnten einen ja (auch wenn das natürlich kaum vorstellbar ist!) dazu bewegen seinen Fahrradfuhrpark (es wäre natürlich ein schmerzlicher Prozess, sehr schwierig!!) zu (hier ein schmerzverzerrtes Gesicht) REDUZIEREN.“

(Ich glaube niemand weiß mehr, wie ich diesen Satz angefangen habe.)

Jedenfalls habe ich für diese gerade beinahe nicht dramatisierte, sondern nur wiedergegebene Feststellung, dann subtil die „äußeren Umstände“ gemimt, indem ich unauffällig die Arme in die Seite gestemmt habe und streng geschaut hab. Dabei bin ich ja sehr tolerant was Fahrräder anbelangt.

Im Internet versuche ich so wenig wie möglich zu lesen, denn meistens ist alles was ich davon mitnehme: „Ich mag eucher Gekreische nicht.“ Da es vielen von Euch so ähnlich geht, werde ich wieder versuchen hier jeden Dienstag etwas für euch zu schreiben. Vielleicht sogar die Geschichte vom Pferd in der UBahn, die hier von den Kindern als „Sehr gut.“ bewertet wurde. Keine Ahnung woher diese Bewertung kommt.

Inside Interessanterseits: Bloggen (28/33)

Heute also endlich die Nebensächlichkeit Nr. 28: Bloggen.

Ich habe vor meinem 33. Geburtstag angefangen über 33 Nebensächlichkeiten zu schreiben. Das war damals. Und seit dem… tja… da kamen so ein paar Sächelchen. Ich habe über mein Fahrrad geschrieben. Und nochmal. Und ich habe live aus der Pandemie berichtet. Aber so ganz insgesamt bin ich ziemlich unzufrieden, denn ich werde bald 34 und bin immer noch nicht fertig mit den 33 Nebensächlichkeiten. Aber wie könnte es auch anders sein. 2020 war ein merkwürdiges Jahr und ich glaube nicht, dass 2021 so viel besser wird. Aber hoffentlich ein bisschen besser.

Doch ich wollte ja übers Bloggen schreiben. Ich hatte angefangen zu bloggen aus einem sehr speziellen Grund. Ich glaube, ich habe schon ausführlich darüber geschrieben bzw. ich hab schon mal darüber geschrieben, dass ich denke, dass ich schon mal darüber geschrieben haben, nämlich hier.

Kurz gesagt: Ich wollte bloggen, weil ich mich daran gewöhnen wollte „vor Publikum“ zu schreiben. Also öffentlich. Ich wollte mich überwinden lerne. Ich wollte lernen damit umzugehen, dass ich einen Text veröffentliche und gut finde und dann wieder lesen und ganz schrecklich finde. Ich wollte lernen Tippfehler zu ignorieren, einfach damit überhaupt etwas veröffentlicht wird und nicht im ewigen Bessermachen verödet.

Und ich habe gelernt, dass ich das wohl nicht so einfach lernen kann. Es ist immer noch komisch, meine eigenen Texte zu lesen und zu sehen, was da alles nicht stimmt. Und wie schrecklich unlesbar mein Schreibstil ist. Und ich finde die Texte trotzdem gut und bekomme positives Feedback. Und ich würde sie niemals so in Druck geben. Es sind verschlungene Gefühle, die ich da habe.

Jedenfalls hab ich mich jetzt gewöhnt öffentlich zu schreiben. Zumindest ein bisschen. Und ich habe keine Dissertation mehr zu schreiben, bei der immer Wörter übrig bleiben, die ich dann hier unterbringen muss. Irgendwie fallen damit zwei Gründe fürs Bloggen weg.

Aber ganz damit aufhören mag ich auch nicht. Denn viele von den hier verfügbaren Texte mag ich doch schon recht gerne. Poltergeist Pascale zum Beispiel, den ich immer mal wieder meinen Kindern aufsage. Oder der Text über den Handwerker mit der schönen Frisur. Oder dieser schrecklich schwierig zu schreibende Text über eine meiner kurzen Begegnungen an einer Bushaltestelle.

Also noch bleibt der Blog online und noch versuche ich, meine 33 Nebensächlichkeiten abzuarbeiten.

LandFrust: Sie fährt wieder 27/33

Die Neue LandFrust ist da und erzählt die langersehnte Fortsetzung meiner Fortsetzungsgeschichte „Die Geschichte meines Fahrrads von ihr selbst erzählt.“ ( Hier geht es zum ersten Teil. Lest die Geschichte zuerst, sonst versteht ihr wahrscheinlich nicht, worum es hier geht!)

Nebensächlichkeit Nr. 27: Sie fährt wieder.

Die Unruhe der Menschen kam wieder zurück. Jahrelang stand ich da in diesem herrlichen, verspinnwebten Fahrradverschlag. Ach Verschlag! Was sage ich! Ein gewölbekellerartiger Fahrradunterschlupf war es! Eine kühlbehütende Fahrradzuflucht! Ein altes Damenrad, wie ich es nun einmal bin, konnte sich doch nichts schöneres wünschen! Kalt staubige Steinwände, sanft mich einwebende Spinnenfreundinnen, ab und an eine Ratte, die mir das Neuste aus der Nachbarschaft erzählte. Um mich her lauter sehr maskuline Herrenräder und ein großes, stattliches Lastenrad, die alle den Duft von dunklen Wäldern mit Heim brachten nach längeren und kürzeren Ausflügen. Aber sehr höflich die Jungs, sehr angenehm. Alle immer sehr gepflegt, selbst das schon etwas in die Jahre gekommene Crossrad. Das war schon im Hochgebirge! Aber immer bescheiden, immer bescheiden. Da hörte ich nie ein Wort des Eigenlobs. Dann noch neben mir an der Wand das burschikose, zierliche weiß-blaue Rennrad, das mir ab und an von Ausflügen durch Sonnenblumenfelder vorschwärmte. Aber mehr noch als von goldglühenden Abendausfahrten, mehr noch als vom verlässlichen Fahrradmontageständer, mehr noch als von den sicheren Umarmungen der Bügelschlösser schwärmten wir alle – ja auch ich – von ihm. Ihm. Dem Schlagzeugspielenden Bergsteigenden Radfahrer, der meine junge Studentin geheiratet hatte und nun neben zwei spielenden Kindern unsere Ketten aufzog und unsere Reifen aufpumpte. Es war ein herrliches Leben! Ab und zu kam er zu uns, schob die hölzerne Schiebetür mit Elan auf, holte sein Werkzeug und umsorgte uns und ansonsten konnte ich an der Wand hängen. Ja doch. So hätte es bleiben können. Die Autos im Hof weit genug weg, dass sie mich mit ihrem Geschwätz in Ruhe ließen, und um mich her nur freundliche Räder. Aber dann kam sie eben doch wieder. Die Unruhe der Menschen. Zuerst war es nur ein Gerücht, das das Kinderrad vom Speicher mit herunter brachte. Das kleine silberne Ding kam eines Tages wieder hereingerollt zu uns, wo es doch schon viel zu klein für das eine und noch viel zu groß für das andere Kind war.

„Sie holen Alles vom Speicher. Alles. Und das Holzlaufrad darf mit zu Oma und Opa.“

„Vielleicht misten sie nur aus. Du bist zu klein, du weißt das nicht, aber ich kenne unsere Studentin, die mistet gern aus.“

„Die Frau Doktor.“, mischte sich das gelbe Stadtrad ein. „Ich hab die gedruckten Abgabeexemplare ihrer Dissertation transportiert. Sie hat veröffentlicht. In diesem Internet.“

Das gelbe Stadtrad hab ich noch nie gemocht. Der kam immer viel zu viel rum. Stand manchmal wochenlang mitten in München vor Ministerien angekettet. Und es hat ihm nie was ausgemacht. Unmöglich der Kerl. Aber was tat der überhaupt bei uns? Warum war er denn nicht mehr in München und fuhr dort Akten herum oder was auch immer er tat?!

„Bla bla. Internet. Du hättest doch am liebsten, dass sie dich per Bluetooth absperren. Warum transportierst du Doktorarbeiten, wenn die im Internet sind?!“

„Blöde Kuh.“

„Rotzgelbe Stahlverschwendung.“

„Rosa Sperrmüllazubine!“

„Nichts gegen Sperrmüll!! Du fahrende Fahrbahnverengung!“

„Hey! Wenn es einen gibt, fahr ich immer auf dem Fahrradweg und außerdem war das letztens eine Fahrradstraße, der Cabriofahrer hätte das auch sehen können!!“

„Pah! Wenn man im Ständer stehen bleibt, gibt’s gar nichts für irgendwelche Cabriofahrer zu sehen!“

„Stehen?! Du kannst ja nur noch hängen!!“

„Ich glaub, sie ziehen um!“, das Kinderrad konnte Konflikte nicht so gut aushalten. „Also die Frau Doktor und der Fahrradreparierer und die Kinder.“

„Wer auch sonst?!“, leider war ich nicht streitlustig genug, um diese Erkenntnis mir nicht auch so langsam unter den Sattel sinken zu lassen. Umzug. Vielleicht vergaßen sie mich hier. Das wäre schön.

Aber ach. Aber ach. Natürlich vergaßen sie mich nicht. Im Gegenteil. Frau Doktor bestand darauf mich gemeinsam mit ihren Büchern zu allererst hinzufahren und so fand ich mich unverhofft auf dem Rücken eines grauen Ungetüms wieder. Ein riesiges stählernes Etwas mit dunklen Scheiben und Schwarzplastikverpanzerungen über den Rädern. Seine Lämpchen glühten freundlich, aber es war grauenhaft groß. Wahrscheinlich ein Auto. So ganz sicher war ich mir nicht, wie es mich da auf einem Gestell herumtrug in atemberaubender Geschwindigkeit, es hätte auch ein Drachenflug sein können. Oder eine Dampferfahrt. Oder einer dieser straßenbefahrenden Seecontainer, die die Menschen Elkahweh nennen. Es sprach auch nicht. Es fuhr mich nur. Vollgepackt mit Büchern huckepackte es mich mit einer Leichtigkeit, die ich mir nicht erklären konnte. Wo war meine gewichtige Damenradwürde? Die Frau Doktor zupfte noch wehmütig sanft an den Bändchen, die ich damals noch in München von ihr bekommen hatte. Oh hätte sie sie mir nie umgebunden, hätte mich doch die Große Fahrrad Abknipps Aktion zu meinem wohlverdienten Ruhestand auf dem Schrottplatz geführt! Aber nein. Nun schon wieder unter freiem Himmel. Und über dem Asphalt. Sogar richtig ‚über‘. Richtig hoch.

„Dieser Fahrradträger macht den Bus schon immer ziemlich lang…“, die Frau Doktor sicherte liebevoll meine Räder in der Schiene unter mir.

„Und siehst du das? Dein Rad steht am weitesten raus rechts und links! Weiter als meine!“

„Du hast recht. Hätte ich nicht gedacht, der Rahmen ist doch viel kleiner. Aber sie hat ja auch eine gewisse Reichweite. Ist ja jetzt eine literarische Heldin! Da darf sie doch rausstehen aus der Menge!“

Und wie ich rausstand! Der Fahrtwind zischelte durch meine Speichen! Ein Rad fährt doch vorwärts und hier hing ich, mit der Breitseite in Fahrtrichtung. In einer Richtung Unbekannt. Auf einer Fahrt in Richtung Neuland. Oh wie ich so was hasste.

Aber dann etwas Bekanntes. Wir kamen an und ich wurde in eine Garage geschoben! Heimkommen! Eine Garage! Wie wunderbar! Spinnenfreundinnen für die anregenden Unterhaltungen – hier keine Ratten, glücklicherweise denn das Geschwätz von denen wäre mir dann doch irgendwann aufs Pedal gegangen – und ein paar ruhige Mülltonnen, die nichts weiter taten als in der Ecke zu stehen. Sehr weit in der Ecke. Überhaupt wurde es irgendwie dann doch sehr eng. Und dann dieser gelbe Schimmer. Wer war denn das? Oh Gott. Das gelbe Stadtrad. Nicht der schon wieder. Und was ist das?! Mein Ständer kann sich ja kaum ausstrecken! Eine Wand aus grauem Lack direkt neben meinem zarten Lenker! Und das Garagentor! Das öffnet und schließt sich! Täglich! Ist das zu verantworten?! Tagtäglich! Das gelbe Stadtrad kommt und geht.

„Es ist herrlich! Er fährt mit mir jeden Tag in die Arbeit und wenn nicht bis dahin, dann bis zum Bahnhof! Bahnhof!! Was man da Leute sieht! Es ist der Wahnsinn! Wir wohnen wieder in der Stadt!“

Glücklicherweise hatte er nicht ganz recht. ‚Stadtnähe‘ hätte es besser getroffen. Mir bleibt es überwiegend erspart in diese ach so tolle Stadt zu fahren. Ich sehe Felder und blauen Himmel. Wiesenblumen und ich trage Einkäufe. Ich fahre wieder. Und stellt euch vor, das Busmonster kuschelt nachts mit mir und redet leise. Es erzählt mir mit seinem piepsigen Stimmchen, dass so eine Einzelgarage immer sein Traum gewesen wäre, aber er immer gedacht hätte mit seinen 1,99m käme er nie in so eine 1,98m hohe Garage. Aber hier sei er. Ja hier war er.

Und ich?! Ich fahre wieder.

Ich, altes Damenrad, fahre wieder.

Und vielleicht werde ich bald verschrottet, es wäre ja doch schön endlich Ruhe zu haben. Aber bis dahin fahre ich wohl wieder.

Ich fahre wieder. Wer hätte das gedacht.

LandFrust: Reportage (26/33)

Als Nebensächlichkeit Nr. 26 heute eine exklusive LandFrust Reportage!

Zur Vorwarnung: Ich schreibe über unsere persönliche Situation während der derzeit immer noch andauernden Pandemie und wie uns viele Einschränkungen aufgrund unseres privilegierten Status nicht übermäßig hart getroffen haben. Es wird ironisch. Mich über das Leiden Anderer lustig zu machen liegt mir fern. Dies ist eine kleine lustig gemeinte Reportage über meine kleine Ecke in der Welt, kritische Aufarbeitungen der globalen Situation finden sich woanders. Bitte bleibt Alle gesund und vernünftig!

Jetzt aber los. Es berichtet die beste (und einzige) Reporterin der LandFrust, nämlich ich.

*räuspert sich*

*versucht zu klingen wie eine Radiomoderatorin*

Fräulein ‚Rona hat das ganze Land fest im Griff. Doch wie wirkt sich die Krise auf jeden Einzelnen aus? Heute besuchen wir Familie Gaisburg* im Bayerischen Wald. In einer friedlichen Kleinstadt umgeben von dunklen Wäldern wohnt die kleine Familie mit zwei Kindern in einer prunkvollen Drei-Zimmer-Wohnung in bester Lage. Die Mutter Frau Gaisburg, eine kleine Frau mit Puschelhaaren und einer Vorliebe für übergroße Strickjacken und Handtuchturbane, ist dank der Pandemie damit konfrontiert darüber nachdenken zu müssen, wie viele Einzelpapiere eine Klopapierrolle zur Verfügung stellt und danach den Bedarf ihrer Familie zu errechnen. Nach längerer Reflexion und mehrerer Beratungstelefonate mit ihren Vertrauten kommt sie zu dem befriedigenden Ergebnis, dass sie sich mit diesem Problem dann auseinandersetzt, wenn die vorhandenen Klorollen zur Neige gehen, der Stapel Waschlappen vom vielen Waschen völlig zerfetzt worden ist und Toilette und Dusche sich in unüberwindbarer Entfernung voneinander befinden werden. Zufrieden mit dieser Strategie zur Überwindung der Krise packt sie ihre Einkaufstaschen ein und flaniert über das schmucke und kaum befahrene Stadtzentrum hinüber zum Supermarkt. Dort sieht sie sich der nächsten Katastrophe gegenüber: Hefe. Die allgemeine Hefedürre hat es bis hier her geschafft. Nie war etwas so günstiges so wertvoll. Die Eroberung eines Würfels ‚Frische Hefe‘ wird dann auch mehrere Wochen später von der Familie gebührend gefeiert.

Doch trotz dieser kleinen Erfolge ist auch Familie Gaisburg bewusst, dass es in der Krise nicht nur ums Hamstern geht, sondern auf Solidarität und Engagement ankommt. Daher nimmt es die sympathische, wenn auch etwas laute, Familie auf sich, sich jeden Tag im Bäcker ihres Vertrauens mit Süßem zum Nachmittagskaffee einzudecken. Ein kleiner rosa „Donaut“ für GruGru, ein großer Schritt für mehr Zusammenhalt. GruGru, der Sohn der Familie, leitet im Hauptberuf das Redaktionsteam der LandFrust (wir berichteten) und arbeitet derzeit natürlich durchgängig im Homeoffice. Die Pandemie wird diese Familie für immer verändern: in Fett ausgebackene Kringel mit Glasur und Füllung nach amerikanischem Vorbild werden für immer „Donauts“ heißen. Aber damit nicht genug.

Es ist nun Pfingsten. An die Masken zum Einkauf haben sich alle schon längst gewöhnt und auch an die ungewohnt ausgiebigen Gelegenheiten beisammen zu sein und Videos zu schauen. Selbst das Kaffeetrinken mit der Familie per Videochat ist leider längst eine von Kukus Kernkompetenzen – auch hier trifft es die Kinder am härtesten. KuKu, die Tochter und Pferde-, Raumfahrt- und Prinzessinenspezialistin der Familie (auch ihre Spitzenleistungen waren der LandFrust einen eigenen Bericht wert), muss nicht nur Videochat mit den Großeltern machen, sondern auch noch mit ansehen wie ihr neu zu erwerbender Schulranzen im Internet bestellt wird. Und dann eben Pfingsten. Frau und Herr Gaisburg, KuKu und GruGru, alle wähnten sich nun schon über dem Gipfel, von nun an nur noch freie Bahn zurück in die Normalität! Gut gerüstet durch die Krise!

Doch dann das.

Herr Gaisburg schickt sich an wie jeden Tag das Frühstück zu servieren, da entdeckt er es. Oder besser: entdeckt es nicht. Er stutzt, sieht nochmal genauer hin. Aber ja. Aus Befremden wird Befürchten aus Befürchten Sicherheit: Keine Butter mehr da.

Es ist Pfingstsonntag und es ist keine Butter mehr im Haus. Hat diese Familie nicht schon genug durchgemacht? Nun auch noch das? Zwei Tage ohne Butter!

Ja es sind die kleinen Tragödien, die uns bewegen. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

*) Die Namen wurden von der Redaktion der LandFrust geändert. Die betreffenden Personen sind der Redaktion gut bekannt. So gut, dass sie das Pseudonym aufgrund der schwäbischen Lieblingsmahlzeit der Hausfrau und Mutter ausgewählt hat. Die Redaktion geht davon aus, dass die Beschreibungen der Umstände vage genug sind, kein Mensch wird ahnen können, dass ich hier über unsere eigenen Erlebnisse schreibe.

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[Hefehörnchen? Ein wertvoller Genuss für die Familie in unserer Reportage.]

Mein Fahrrad. (25/33)

Nebensächlichkeit Nr. 25:

Die Geschichte meines Fahrrads von ihr selbst erzählt (letzter Teil)

(Hier geht es zu Teil 1, hier zu Teil 2 und hier zu Teil 3)

Am nächsten Tag musste ich dann feststellen, dass es wohl gar nicht die Aussicht auf ein repariertes Fahrrad gewesen war, die die Studentin beglückt hatte. Sondern es war die Aussicht und der Anblick gewesen, der sich mir nun bot, als ein schlanker, großer Mann zum Tor hereingelassen wurde und an mir vorbei zielstrebig im Haus verschwand.

Aber als die beiden dann gemeinsam herauskamen, da sah sie gar nicht mehr so beglückt aus, wie sie vielleicht hätte sein können, jetzt da ich doch endlich wieder auf prallen Reifen stehen sollte. Der große Mann brachte meinen Reifen im Nu in Ordnung. Seine Bewegungen, seine Handgriffe, alles saß und war so geschult und dabei sanft. Ich war ganz angetan. Eine gute Wahl, die sie da für mich getroffen hatte, nur den Besten für ihr Damenrad. Die offensichtliche Wertschätzung tat mir sehr wohl. Er stellte mich behutsam auf meine Räder. Die Tochter sah nur zu und sie schien zerknirscht. Als hätte die Reparatur doch noch etwas länger dauern können. Zwischen den beiden hing etwas unausgesprochen in der Luft. Oder vielleicht war es auch ausgesprochen und nur nicht für mich bestimmt. Ich merkte es aber dennoch. Da war etwas, nach dem sie suchte, was sie hätte sagen können, damit er blieb. Aber er war fertig mit mir und wohl auch fertig mit ihr, konnte sich nur noch nicht entscheiden zu gehen, sondern hielt mich unschlüssig am Lenker. Ich fühlte mich wie ein Kinderrad neben seinen langen Beinen.

„Jetzt kannst du es wieder fahren. Moment, ich teste mal.“

Und damit schwangen sich die langen Beine über meinen Rahmen und meinen Sattel und traten in die Pedale. Das war ein völlig neue Erfahrung. Dieser gutaussehende, große Mann. Ich wusste, dass ich für sie unter ihm besonders charmant aussehen musste und freute mich. Was für ein ulkiges Gegurke. Ein paar winzige Runden im Hof. Ein bisschen Schalten.

KRACK!!!

Diese Schmerzen!!

Es zerriss mich. So musste es sich anfühlen. Das Ende. Das war unmöglich. Kein platter Reifen fühlte sich so an. Das musste der Rahmen sein! Meine Schutzbleche mussten sich durch meine Speichen gekeilt und all meine Bremskabel zerfetzt haben. Schmerzen so unerträglich. Eine Millionen Volt in meinen Scheinwerfern. Ich wollte mich ins nächste Gebüsch werfen und auf den Sperrmüll warten. Es war so schrecklich.

„Was ist passiert?!“

Sorge in der Stimme der Studentin.

„Ich weiß nicht.“

Er stieg vorsichtig vom Sattel und betrachtete mich, die ich ihm unter Schmerzen den Lenker zu wand.

„Das Schaltwerk ist verbogen. Das ist nicht schlimm, das kann ich ersetzen. Keine Ahnung, wie das jetzt passieren konnte.“

„Ach lass doch, ich fahr nie mit dem Fahrrad.“

Ja!! Lasst mich sterben. Lasst mich hier in diesem wunderbaren Hof stehen. Für alle Zeit. Gefahren werden, heißt Schmerzen haben.

***

Das war es dann wohl gewesen mit dem Radfahrer. Der ihr altes Damenrad reparieren wollte und es dabei kaputt gemacht hatte. Sie hatte ihn in der Küche eines Studentenwohnheims kennengelernt, als Schlagzeuglehrer ihrer Freundin, aber er fuhr auch Rad. Und kletterte. Besonders im Winter. Also eigentlich hatte er sowieso keine Zeit, denn im Sommer Radfahren, im Winter Eisklettern und unter der Woche Schlagzeug in einer Band spielen, zu deren Auftritt er sie eingeladen hatte. Dann ein Date. Ein schüchternes gemeinsames Teetrinken. Vielleicht mal gemeinsam Radfahren, aber ihr Rad war kaputt. Er würde es reparieren.

Das Problem war nur: Sie hatten vor der Reparatur geredet und sie war nunmal sie selbst. Was vielleicht nicht ganz ideal gewesen war. Und auch zu jung. Und zu unfertig. Hatte zu wenig gewusst, was sie wollte und da saß plötzlich alles, was sie gewollte hatte, in ihrer Studentinnenwohnung, aber es war zu spät. Und dann hatte er das Fahrrad, statt es zu reparieren, völlig kaputt gemacht. Eigentlich so wie bei ihr, statt ihre eigenen Wünsche kennenzulernen, war sie nur bis zu diesem Punkt geschlittert und hatte sie erst erkannt, als sie mit Enttäuschung in den Augen vor ihr saßen. Da war es dann zu spät. Und jetzt konnte sie ja schlecht noch was sagen. Noch mehr von sich ihm aufzudrängen, das ging nicht. Also war das wohl vorbei.

Sie wäre jetzt gerne durch diese herrliche Stadt geradelt, um auf andere Gedanken zu kommen. Aber selbst, wenn das Rad ganz gewesen wäre, wäre radeln, um auf andere Gedanken zu kommen, genau das, was er wohl auch machen würde. Und da war er auch wieder. In ihren Gedanken. Das ging so nicht. Traurig ließ sie das Rad dort stehen, wo es stand. Mit vollen Reifen aber mit völlig verbogenem Schaltwerk. Und sie ging zur Uni. Lernte Vokabeln. Lieh Bücher aus. Übersetzte. Studierte. Machte, was man so macht. Trank Kaffee und traf sich mit anderen. Und gerade als sie dachte, sie würde nicht mehr daran denken, dass es da einen schlanken Schlagzeuger gab, der auch manchmal Räder reparierte, wenn er nicht beim Klettern war, kam eine SMS.

„Das geht so nicht. Das mit dem Rad. Ich richte dir das!“

Später würde er sagen, dass er froh gewesen war, einen Grund für ein weiteres Date gehabt zu haben. Später würde sie sagen: „Wir haben uns in der Küche einer gemeinsamen Freundin kennengelernt und dann wollte er mein Fahrrad reparieren und hat es dabei kaputt gemacht. Das Fahrrad, das stand erst bei meiner Tante und wurde nicht gefahren und dann stand es bei mir und wurde nicht gefahren.“ Und er würde sagen: „Nein. Dann stand es erst noch bei deiner Mutter und wurde nicht gefahren!“ Und sie würde lachen und sagen: „Und dann ist es doch noch ganz viel durch München gefahren mit mir.“ Und er würde sagen: „Weißt du noch, wie wir dann immer durch den Englischen Garten gefahren sind?“

Und sie würden heiraten und Kinder bekommen.

***

Ich mochte es hier. Zwischen Kinderanhänger und Lastenfahrrad an der Wand zu hängen. Keine Sorgen mehr. Einen hübschen neuen Sattel hatte ich bekommen. Schöne Satteltaschen. Aber wegen der Schwangerschaften, hatte sie mich dann doch beiseite gestellt. Doch, ich mochte es hier. Hübsche lockige Kinder, die ab und an hereinschauten und uns bewunderten. Uns Fahrräder, die wir hier liebevoll gepflegt wurden von diesem schlanken, großen Mann, den ich sofort als echten Fahrradspezialisten erkannt hatte, einer, der es gut mit uns meint. Hier gefiel es mir.

So konnte es bleiben.

(Hier geht es zum Anfang der Geschichte, hier zu Teil 2 und hier zu Teil 3.)

 

Mein Fahrrad. (24/33)

Nebensächlichkeit Nr. 24:

Die Geschichte meines Fahrrads von ihr selbst erzählt (Teil 3)

(Hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2.)

Die gute Tochter konnte ja nicht wissen, dass ich ein selbstzufriedenes ruhiges Leben schätzte. Sie riss auch mich aus meinem Fahrradständerschlaf und fuhr mit mir durch diese Stadt, die nur gemacht zu sein schien, um unter weiß-blauem Himmel über ihre Radwege zu fahren. Wenn es denn Radwege waren, ich fand, es waren Zumutungen. Von der Straße mit etwas Farbe oder einer Baumreihe abgegrenzte Zumutungen. Ich hörte die Tochter auch sich mit anderen unterhalten, dass diese Wege nur inoffiziell Fahrradwege seien, die Schilder fehlten. So konnte man das radfahrende Volk über die Straße bewegen, aber sich vor der Instandhaltung der Wege drücken. Praktisch! Voll Bitterkeit sagte sie das, dabei hätte es ihr doch klarmachen müssen, wie unsinnig ihre Bemühung war, mich tatsächlich zu fahren. Die Stadt wollte mich gar nicht auf ihren Straßen haben. Den Himmel konnte ich auch vor ihrem Haus bewundern, die alten Bauwerke, zwischen denen sie glückselig dahinradelte, die interessierten mich nicht. Sie hätte sie doch auch zu Fuß bewundern können. PFFFF.

PFFFF.

PFFFFFFF?!

Oh Schreck. Es war tatsächlich passiert. Das war mir noch nie passiert. Was für ein Schreck. Ein Platten! Wie peinlich. Ein platter Reifen. Bei mir! Wie kann das sein? Wie kann das nicht sein! Sie war ja selbst schuld, sie hätte mich doch stehen lassen können! So ein Unverstand! Und dann zahlte sie auch noch einem fremden Mann Geld, um einen neuen Reifen aufzuziehen! Was für eine Verschwendung! Sie ließ mich dann glücklicherweise eine Weile in Ruhe danach. Nicht, dass ich nicht ein bisschen froh über ihre Ausgabe gewesen wäre, denn intakt stehen, das mochte ich schon gerne. Ich wollte, dass man sieht, dass ich immer noch ein gutes Fahrrad war. Ein platter Reifen macht sich einfach immer schlecht. Dennoch. Das Geld hätte sie sich mit einfach gar nicht fahren sparen können. PFFF.

Upps.

Naja, wenn ich weiter hier ruhig stehen könnte, dann würde das schon niemand merken. Sie blieb ja doch immer lange weg. Übernachtete gar auswärts. Da würde sie mich ja wirklich nicht mehr brauchen. Ich konnte mich entspannen. Soweit das eben aufrecht stehend möglich war. Unter einem kleinen Dach, vor einem Betonbau. PFFF. Ein bisschen sackte ich ja doch schon wieder ein. Aber man muss genießen was man hat, nicht an dem herummäkeln, was einmal besser gewesen war. Wie die Dichtigkeit meines Reifenmantels. PFFF.

Die Tochter und Studentin stand eines Tages mit merkwürdig geschlitzten Augen und gerunzelter Stirn neben mir. Kritisch. Meine Hoffnung unbemerkt von nun an meine Tage hier abzusitzen, oder eher abzustehen, durchzustehen, denn es war doch unbequem geworden auf dem platten Reifen, die Hoffnung war dahin. Sie hatte einen Fahrradkorb am Arm hängen, meinen Fahrradkorb. Ich hatte gar nicht mehr gewusst, dass es den noch gab. Nie verwendet, war er wohl mit hierher umgezogen worden. Aber statt ihn mir auf den Gepäckträger zu klemmen, starrte sie meinen platten Reifen an und holte ihr Telefon aus der Tasche.

„Du. Ich hatte doch gesagt, ich hab ein Fahrrad. Und wir könnten mal zusammen fahren, weil ich doch den Platten hab flicken lassen. Naja. Also. Der Reifen ist schon wieder platt.“

Sie lauschte einen Moment in das Gerät.

„Das würdest du machen? Das wäre voll nett. Danke schon mal!“

Eine weitere kurze Pause.

„Ja. Morgen hätte ich Zeit. Bis dann!“

Und dann grinste sie mich an. Ich ahnte Schlimmes. Ich wusste zwar nicht, warum irgendwer so bescheuert grinsen musste, nur weil man sich das Geld für eine Fahrradwerkstatt sparen konnte, aber sei es drum. Sie ging unverrichteter Dinge samt Fahrradkorb wieder ins Haus, aber beschwingt. Es ist ja doch schon schön, jemandem so eine Freude zu machen. Wenn ich gewusst hätte, dass ein nicht nur unbewegtes sondern auch unbewegliches, weil reifengeplättetes Fahrrad ihr so viel Kummer bereitet hatte, dass sie nun dümmlich grinste vor Glück, wo jemand ihr versprochen hatte, mich zu reparieren. Ja, wenn ich das gewusst hätte. Aber ich hatte das ja nicht gewusst. PFFF.

(Hier geht es zu Teil 1. Hier zu Teil 2 und hier zum nächsten und letzten Teil.)

Mein Fahrrad. (23/33)

Mögt ihr sie schon? Mein Damenrad? Hier geht es weiter.

Nebensächlichkeit Nr. 23:

Die Geschichte meines Fahrrads von ihr selbst erzählt (Forsetzung)

(Hier geht es zum ersten Teil.)

In der Zwischenzeit war das mit dem gender aufgekommen. Nicht mehr nur bewegte Damen, oh nein. Die „Dame“ an sich wurde hinterfragt und da gab es jetzt Herren, die gar nichts mehr dagegen hatten Damenräder zu fahren. Wie gut, dass mein Rahmen so klein war, dachte ich. Doch selbst das, so munkelten die Autos vor der Garage in der ich in der Zwischenzeit stand, hielt manche Herren nicht ab. Und die Autos, die Armen!, waren doch recht weit herumgekommen, wenn sie also sagten, dass selbst eine kleine Rahmengröße einen modernen Mann nicht abschreckte… was für ein Schicksal konnte mir bevorstehen!

Sie würden in die „Uhnie“ mit Rädern wie mir fahren. Männer wie Frauen. Die Uhnie, das war ein Ort den ich zu fürchten lernte. Ein Ort an dem es ganze Meere von Rädern gab. Dicht an dicht mussten sie dort stehen. Die jungen Leute fuhren ihre Räder in Massen dorthin und ketteten sie aneinander. Wildfremde Räder standen da Rahmen an Rahmen, Pedale wild gekreuzt! Große matronenhafte Hollandräder mit großen Fahrradkörben neben kleinen schlanken Rädern mit fixer Nabe oder eben neben alten Damenrädern. Besonders die seien beliebt, flüsterte mir ein Auto hämisch zu. Und den ganzen Tag seien sie dort unterwegs an der Uhnie. Morgens um 8 wurden sie in das eine Gebäude gefahren, im Innenhof abgestellt neben lauter schwatzhaften anderen Rädern, um 10 ging es weiter eine viel befahrene Straße entlang, quer durch die Stadt. Und so im Zweistundentakt weiter und dann gegen Abend noch an den Fluss. Dort in die Wiese gelegt, rundherum feiernde Menschen und dann nachts leicht schwankend nach Hause, zwischen hupenden Autos und den blinkenden Lichtern der großen Stadt. Der einzige Hoffnungsschimmer – auch von dem erzählte mir das Auto und es konnte nicht wissen, dass das ein himmlischer Gedanke war – manchmal wurde so ein Damenrad nicht geklaut, sondern einfach irgendwann vergessen. Vergessen! Wie herrlich! Niemand will etwas von einem, man steht in aller Ruhe, wendet sich nach innen, ignoriert das Kommen und Gehen inmitten des großen Fahrradständerheers. Das wäre dann meine Hoffnung. Sollte das Schicksal mich in die Hände einer Studentin tragen. Oder eines Studenten, ich musste der Realität ins Katzenauge blicken. Wenn schon Uhnie dann so: Vergessen an einem der überlaufenen Fahrradständer.

Und es kam tatsächlich wie es kommen musste. Meine Befürchtungen erfüllten sich. Ich musste an die Uhnie. Denn die Dame schenkte mich ihrer Tochter. Und die stellte mich vor ihre Studentinnenwohnung in den Ständer. Ein Ständer in dem die Fahrräder hochkant standen, aber immerhin standen. Was für eine Erleichterung! Doch auch was für ein Betrieb. Morgens Arme, die meine Radkollegen und -kolleginnen herunternahmen. Beine, die mit ihnen wegfuhren. Nachmittags schwere Taschen in den Körbchen. Ich machte mich schlank und stand ganz außen. Leicht beregnet, aber ansonsten in meiner Ruhe. Die Tochter kam und ging, aber ich stand weiterhin hier unbeachtet. Unbeachtung ist Ruhe. So konnte es bleiben. Sie tätschelte manchmal meine Flanke und flüsterte mir zu, dass es ihr wirklich leid täte, aber um über die Straße hinüber ins Uhnie-Gebäude zu kommen, brauche sie nunmal kein Fahrrad. Wie war ich froh. Hätte ich ihr doch nur zu verstehen geben können, dass es ganz in Ordnung war. Aber immer wieder sah ich ihren Blick, wenn sie zur Tür herauskam und mit Umhängetasche und Wasserflasche davonging. Sie schämte sich. Sie missverstand mich! Sie streichelte meinen Sattel und versprach, dass wir uns einmal München ansehen würden, aber dass sie dann immer lieber U-Bahn fahren würde, dabei könnte sie doch Geld sparen, wenn sie mich mitnähme. Unnötige Scham! Unnötige Sorge! Ich war ein altes, würdevolles Damenrad, ich brauchte keine junge Studentin, um meinem Leben Sinn zu geben, aber das dachte sie. Sie dachte, es sei doch eine Schande hier herumzustehen als Fahrrad. Pah! Schande! Eine Schande ist es doch angewiesen zu sein auf den Nutzen der Menschen. Wie stolz waren die alten klapprigen Räder, die Tag ein Tag aus, aus ihrem wohlverdienten Ständerschlaf gerissen wurden, darauf NÜTZLICH zu sein! Nützlich! Als sei mein Wert nicht unabhängig davon. Als könne ich mir nicht selbst genug sein! PFFFFF.

Aber was half es.

(Erster Teil hier und nächster Teil hier.)

[Das Beitragsbild macht so langsam Sinn… ich in München, zur Zeit als ich das Fahrrad… aber das führt jetzt zu weit.]