Eine kleine Zuggeschichte

Heute eine kleine Zuggeschichte. Einfach weil ich das so eine interessante Begebenheit fand.

Mein Zug hatte schon fast Hamburg Hbf erreicht, als ein sehr großer, sehr dicker und sehr schlecht gelaunter Mann in mein Abteil kam. Er sah ein bisschen gruselig aus, mit grauer Haut und groben Gesichtszügen und er schimpfte vor sich hin.
„Hamburg. Hamburg!! Hamburg. Hamburg. Haben sie gesagt, dann ich hier einsteigen. Fährt in die Richtung. Hamburg. Hamburg. Hamburg Bahnhof.“
Es dauerte eine ganze Weile bis ich begriff, was das Problem war. Ich wollte ja auch nach Hamburg. Und zum Bahnhof. Und wir saßen im Zug nach Hamburg. Aber dann realisierte ich: Harburg. ER wollte nach Hamburg Harburg. Nur sprach er das exakt so aus wie Hamburg. Er sagte also nicht „Hamburg Harburg“ sondern „Hamburg Hamburg“ und dann fügte er zwischendurch ein „Harburg Bahnhof“ ein, was wie „Hamburg Bahnhof“ klang. Ich fühlte mich natürlich (aber völlig unnötig) direkt schlecht, weil ich ihn nicht darauf hinwies. Wenn er eine junge Frau gewesen wäre, hätte ich wohl irgendwann ein vorsichtiges: „Wohin wollen Sie? Ich kenne mich hier nicht aus…“ eingeworfen. Aber da er so einschüchternd war, stöpselte ich mir nur wieder meine Ohrhörer ein und sah nur noch wie sein Mund (für mich tonlos) formte: „Hamburg Hamburg. Jetzt Hauptbahnhof, dann wieder Hamburg Hamburg Bahnhof.“
An seiner Stelle wäre ich wohl nervös im Gang stehen geblieben, um beim nächsten Mal nicht wieder in den falschen Zug zu steigen (wie wir wissen, kann ich das auch ganz gut…) aber er saß völlig entspannt da und als er sein Kontingent an „Hamburgs“ aufgebraucht hatte, zog er sein Handy raus. Es war eines dieser riesigen Smartphones, die aussehen als wollten sie eigentlich TabletPCs sein. In seiner riesigen Hand sah es aber ganz angemessen dimensioniert aus. Er drückte und wischte darauf herum und ich sah auf dem leuchtenden Display das Photo eines niedlichen kleinen Babys mit süßem Mützchen und Puschelanzug.

LandFrust: Verwechselt.

Etwas, das mir immer mal wieder passiert, aber von dem ich nicht sagen könnte, ob es mir häufiger als anderen passiert, ist, dass ich für jemand anderen gehalten werde.

An meinem allerersten Tag an der UNI fragte mich eine Studentin nach dem Weg, weil sie dachte, ich hätte das Einführungsseminar gehalten, das sie vor ein paar Tagen besucht hatte. Am Sendlinger Tor sprach mich ein Hoffnungsvoller auf Italienisch an – auf der Suche nach seinem Blind Date, das ich nicht war. Im Zug ein anderer Hoffnungsvoller auf Griechisch – auf der Suche nach einer Landsmännin, die ich nicht war.

In manchen Seminaren an der UNI sprachen die Dozent_innen andere Frauen mit kurzen Haaren mit meinem Namen an. Da mein Vorname recht häufig ist, kommt noch die ganz generelle Verwechslungsgefahr hinzu, sobald ein Team mehr als eine von uns hat. Schon mit zwei Frauen stellte ich daraufhin fest, dass wir eigentlich die selbe Person seien. Denn (Email-)Antworten an eine von uns gingen regelmäßig an die andere und wir sahen uns auch zum Verwechseln ähnlich, zumindest, wenn man Haar- und Augenfarbe, Größe, Nase, Kleidungsstil, Piercings und Herkunft/Dialekt außer Acht lässt.
Und dann die bekannten Namensvetterinnen – einmal läutete nachts um 4 mein Telefon, weil einer auf der Suche nach einer Namensvetterin war, eine die schauspielert und synchronspricht. Eine andere arbeitete mit mir in der selben Galerie als Schülerin – wir konnten uns ein Namensschild teilen. Und wir verbrachten einen ganzen Tag damit, uns über all die Gelegenheiten auszutauschen, bei denen wir in unserer gemeinsamen Heimatstadt schon verwechselt worden waren. Selbst unsere Mütter heißen gleich. Danach überschnitten sich unsere Schichten nie mehr. Schade eigentlich.

Diesem Verwechslungsherd – beliebter Vorname plus relativ häufiger Nachname – konnte ich auf dem Standesamt etwas entgegensetzen. Bleiben die alltäglichen anderen Verwechslungen.

Unter denen sticht eine Zugverwechslung besonders hervor. Eine Zugverwechslung mehrfach. Zuerst weil ich meine Gesprächspartnerin verwechselte. Ich unterhielt mich mit ihr im festen Vertrauen darauf, dass mir schon noch einfallen würde, woher sie mir so bekannt vorkam – doch ohne sie zu fragen, ergab es sich aus dem Gespräch, dass alle meine Vermutungen falsch waren. Dann sagte sie plötzlich, dass ich ihr so bekannt vorkam und woher wir uns wohl kennen würden. Und daraus entwickelte sich ein sehr interessantes und auch recht intimes Gespräch, in dem wir uns gegenseitig alle unsere Lebensstationen aufzählten, um dahinter zu kommen, warum wir uns gegenseitig zu kennen glaubten. Schule, Arbeit, Studium, Hobbies, Freunde, Partner, Familie, selbst der Kindergarten wurde bemüht. Zeitungsartikel durchgegangen. Wir kamen nicht darauf und mussten irgendwann (gemeinsam) umsteigen. Tief im Gespräch. Gleis. Zug. Wir trennten uns und rannten in den ICE. Jede auf der Suche nach ihrem jeweiligen Sitzplatz. Ich hastete durch den ICE, doch wo mein Sitzplatz hätte sein sollen, war das BordBistro. Falscher ICE. Ich hätte den Zug wegfahren lassen sollen und den nächsten nehmen. Am nächsten Bahnhof stieg ich also aus und auf dem Bahnsteig kam mir meine Gesprächspartnerin entgegen. Wir hatten gemeinsam, unabhängig voneinander, den Zug verwechselt. So hatten wir also dann nochmal drei Stunden Zeit uns zu unterhalten – wären wir planmäßig gefahren, hätten uns unsere Sitzplatzreservierungen getrennt.

Aber rausgefunden, warum wir uns gegenseitig so bekannt vorkamen haben wir nicht. Wir haben uns einfach verwechselt.

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[Das ist ein schlechtes Photo von einem Photo von mir wie ich zweimal auf einer Bank sitze, in der Mitte ist es durchgerissen.]

LandFrust: Hellblau

Die Neue LandFrust. Heute quasi mit einer Reportage!

Ich erzähle heute die Geschichte unserer hellblauen Rührschüssel. (Keine Photos, sie möchte unerkannt bleiben.)

Die Geschichte unserer blauen Rührschüssel beginnt in einem Haushaltswarengeschäft. Wo auch sonst. Dieses liegt in einer Parallelstraße. Und hier wird das schon ein bisschen interessanter. Eine Parallelstraße muss ja zu irgendwas parallel sein. Und diese spezielle ist es zu einigen Straßen unter anderem den zwei in denen ich gewohnt habe. Zur ersten Straße sind es nur einige Meter – direkt an der Münchner Uni – dort hatte ich meine erste eigene Wohnung. Zur zweiten Straße ist es etwas weiter und weitere parallele Straßen laufen dazwischen und dort wohnte der Mann, bei dem ich nach einem halben Jahr einzog und der später mein Ehemann wurde. Und die Rührschüssel haben wir uns zusammen gekauft. Denn mit dem Einzug bei ihm erwachte in mir das Bedürfnis zu backen. Warum? Weil es in dieser Wohnung – im Unterschied zu meiner ersten – einen Backofen gab. Am Anfang rührte ich meine Teige noch in einem Campingtopf. Das war ganz praktisch, weil man in diesem Topf die Butter direkt schmelzen konnte. Aber irgendwann fanden wir die Investition in eine Rührschüssel doch lohnend. Und so kauften wir uns eine hellblaue, standfeste Rührschüssel, die mein Backen durchaus verbesserte – allerdings nicht so gravierend wie die Jahre später im bayerischen Wald erfolgende Anschaffung einer Küchenwaage.

Wer lange genug versucht hat in einem dünnen Metalltopf mit ebenem Boden mit dem Handrührgerät irgendetwas zu rühren, wird eine gute Rührschüssel zu schätzen wissen. Plötzlich war auch der Abwasch so viel leichter. Ich war damals in dem Laden direkt auf diese Schüssel zugegangen und hatte mich erst an der Kasse über den doch stolzen Preis gewundert – eine Verwunderung, die ich als Studentin sonst immer direkt vor dem Regal schon hatte und es nicht mehr bis zur Kasse schaffte. Aber das helle Blau becircte mich. Zuhause begeisterte mich dann, wie gut das Rühren plötzlich funktionierte und wie schön das Wasser alle Reste aus dieser Schüssel spült. Heute mache ich v.a. meinen Jogurt in dieser Schüssel und bin jetzt begeistert über das Ausgussverhalten des kleinen Schnabels an der Schüssel, den ich bis dato gar nicht richtig wahrgenommen hatte.

Es ist schon merkwürdig, wie wenig man eigentlich weiß, über die Dinge, die man so täglich im Gebrauch hat. Nicht nur, dass ich ganz generell die Funktionalität von etwas so Alltäglichem wie einer Schüssel unterschätzt habe, ich hatte mir ja auch keine Gedanken gemacht über das Material, aus dem sie hergestellt ist. Dass es mich überleben wird, dass es vielleicht einmal brechen kann, aber nicht verrotten, dass es letztlich immer existieren wird. Dieser Gedanke gibt mir immer eine neue Wertschätzung für Gebrauchsgegenstände. Dass etwas, das ich benutze nach meiner Benutzung dennoch für immer da sein wird und nicht einfach verschwindet. Und dann ist ja auch noch der Zeitaspekt. Diese hellblaue Rührschüssel sieht eigentlich unverändert aus, ebenso der hellblaue Staubsauger, den wir in einem romantischen Zufall ebenfalls als eine der ersten Investitionen gemeinsam gekauft haben. Ich meine den Zufall, dass er auch hellblau ist.

Wir scherzten dann immer, dass, falls wir uns trennen, wir uns lediglich um diesen Staubsauger streiten müssten. Aber jetzt fällt mir auf, dass es auch damals schon mehr war – die Rührschüssel gab es ja auch noch. (Alles Gute zum Geburtstag… Ich liebe dich in hellblau … und für immer.)

Fashionblog: Perfektion.

Ich erzähle Euch heute von einem perfekten jungen Mann oder auch die Geschichte vom „WAAAHHH!!“

Ich war einmal auf einer wilden Party – Mama, Papa, Oma, hört vielleicht jetzt besser weg – die meisten Besucher_innen dieser Feier waren schon eine eingeschworene Gruppe und ich war von einem Freund mitgebracht worden, um neue Leute kennenzulernen. Als wir ankamen, waren schon die meisten Gäste anwesend, nur einer fehlte. Man spürte seine Abwesenheit überdeutlich. Alles wartete, dass er noch auftauchen würde. Er schien fast so etwas wie eine Leitungs- oder Mentorenrolle inne zu haben. Jemand der eine Gruppe zusammenhält und ihr gemeinsame Ideale vermittelt. (Keine Sorge, Papa, es war keine kommunistische oder überhaupt politische Gruppe – ich weiß genau, dass du weiter gelesen hast). Ehrlicherweise muss ich sagen, dass mir die elaborierten Details der weltanschaulichen Grundsätze dieses Freundeskreises irgendwann zwischen zwei Gläsern Wein abhanden gekommen waren. Es waren nette Menschen, die sich bei diesem und jenem engagierten. Es war ganz insgesamt ein sehr schöner Abend mit sehr guten Gesprächen, ich konnte ein wenig literaturwissenschaftliches Fachwissen einbringen, was mich immer freut, aber der Star des Abends, war dieser junge Mann, den mir die anderen unbedingt vorstellen wollten. Nach ihren Erzählungen musste er geradezu perfekt sein. Da war beinahe Verehrung in ihrem Reden über ihn und ich war natürlich sehr neugierig. Normalerweise werde ich recht schnippisch, wenn mir jemand zu sehr angepriesen wird. Aber damals war ich offen für Neues und fast ein wenig vorurteilsfrei abenteuerlustig – ich hab damals ja sogar Thomas Bernhard gelesen.

Und dann kam er endlich. In doch leise skeptischer Haltung erwartete ich so felsenfest die große Enttäuschung, dass ich anfing leise zu fiepsen als ich seine große schlanke blonde Gestalt hereinkommen sah. Er sah wirklich sehr gut aus. Viel zu gut. Ein Gesicht, das jeden Raum ein bisschen aufhellt. Ich reagierte natürlich wie die kühle, gefasste Intellektuelle, die ich bin und flüchtete immer noch fiepsend in die Küche. Wohin er mir folgte, um mich zu begrüßen. Seine Stimme war angenehm und er war so nett. So ehrlich, offen, interessiert und lieb. Ich äußerte also ein völlig kontextloses und nichts entschuldigendes „WAAAAAHHH!!“ und flüchtete zurück ins Wohnzimmer.

Ja. Flirten. Kann ich.

Er kam lächelnd hinterher und legte mir mit einem „So!“ den Arm um die Schulter. „Jetzt erzähl mal was!“ Und ich schmolz ein bisschen. Nicht nur ein bisschen. Es war wirklich ganz wundervoll, sich mit ihm zu unterhalten. Er sah nicht nur zauberhaft aus, sondern war auch noch klug und wirklich auf sehr nette Art sehr interessiert an anderen Menschen. Ich war immer hingerissener. Natürlich war er auch noch an der UNI engagiert und für den guten Zweck aktiv. Und kreativ. Und gebildet. Und belesen. Und kannte gute Filme. Und gute Musik. Es wäre echt anstrengend gewesen, sich mit so viel Perfektion unterhalten zu müssen, wenn er nicht so einnehmend und bestärkend gewesen wäre. Er brachte mir Bewunderung für meine Stärken entgegen und fand mich so sympathisch, dass wir uns auch direkt zum Kaffeetrinken verabredeten.

Aber wer jetzt denkt, diese Anekdote hätte ein romantisches Happyend: Falsch gedacht!

Ich gebe zu, als sich in romantischer Kulisse die Möglichkeit bot, ihn zu küssen, habe ich das auch gemacht. Aber das war ein großer Fehler. Nie hat mich irgendjemand schlechter geküsst. (Inklusive GruGru, der mit geöffnetem Mund über mein Gesicht geschlabbert hat und KuKu, die mir mal einen Knutschfleck ans Kinn gesaugt hat, vor lauter Begeisterung für die Mama.) Und er erzählte mir noch wie begeistert seine Kusspartnerinnen immer von ihm seien!

Ich brachte es nie übers Herz ihm zu sagen, dass ich danach keinen Grund mehr hatte „WAAAAHHH“ vor ihm wegzulaufen. Das perfekte Bild, das er abgegeben hatte, war nachhaltig zerschmettert.

Bevor ich also wieder vor einem Menschen schreiend weglaufe, weil ich so einen Riesenrespekt vor soviel Perfektion in Menschengestalt habe, denke ich mir immer: Küsst wahrscheinlich ganz furchtbar.

(Und überhaupt ist es einfach eine sehr schlechte Idee die eigene Bewunderung für eine Person mit lautem „WAAAAHHH“ auszudrücken – etabliert gleich so ein ungutes Machtgefälle.)

Fashionblog: Junggemüse

Heute erzähle ich mal, wie ich zu meinem dümmsten Spitznamen gekommen bin. Wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass es eigentlich auch der beste meiner Spitznamen ist. Was ich aber wiederum nicht belegen kann, da mir in diesem Moment 1. nicht alle meine Spitznamen, die ich je so bekommen habe, einfallen und ich 2. die, die mir einfallen, bestimmt nicht öffentlich teilen werde. Mein allerliebster Kosename ist selbstverständlich ‚Mama‘, aber das ist ja auch ein Ehrentitel.

In der Schule nannten mich meine Freundinnen ‚Sellerie‘. Und das finde ich bis heute dämlich und absolut großartig.

Aber wie kam es dazu: Eine neue Mitschülerin kam in unsere Klasse und wie es oft so ist – eine fremde Person, die ganz verloren in der Ecke steht und mit der niemand redet, zieht mich magisch an. Also saß sie dann neben mir in der ersten Reihe – wie die Streberinnen, die wir nun mal waren. Allerdings waren wir ziemlich schnell nicht mehr strebsam, sondern kicherten – natürlich nicht grundlos! Wie kämen wir denn dazu grundlos zu kichern! Sondern über zum Brüllen komische Englischtexte, in denen zum Brüllen komische Dinge standen wie: „In Australia there are higher salaries.“ Das sollten wir übersetzen. Es ging um Auswanderer, die wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten nach Australien auswanderten. Absolut fokussiert auf den Inhalt des Textes übersetzten wir also: „In Australien gibt es größere Selleries.“ Und wegen diesem überlegenen Gemüse wandern dann da Leute hin aus usw usw. kicher kicher.

Es sollte angemerkt werden, dass unsere Noten überraschenderweise nicht großartig litten unter der neuen Freundschaft. Einmal Streberin, immer Streberin. Und selbst uns wurde das Gekicher dann auch irgendwann zu blöd – kaum zu glauben, aber auch Teenagern werden Teenager irgendwann zu anstrengend. Und so wandte sich meine Freundin zu mir um und sagte: „Okay, genug jetzt. Ich bin jetzt ernst.“ Ich respektierte das lange zwei oder drei Sekunden und sagte dann: „Hallo, Ernst!“

Und von da an waren wir Ernstl und Sellerie, zeichneten Comics und schmiedeten Pläne für die Weltherrschaft. Meiner sah so aus:

1. Aufstehen.

2. Frühstück.

3. …

4. Weltherrschaft! (Oder zumindest die AG Junggemüse gründen.)

Wobei ich unbescheiden sagen kann, dass meine To-Do-Liste deutlich aussagekräftiger war als Ernstls, die da lautete:

1. Ein Blatt Papier holen.

2. To-Do-Liste schreiben.

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[Das ist keiner unserer Comics. Aber Ernstl fände das sehr lustig, was ich aus der ‚Säge‘, die Kuku gemalt hat, gemacht habe.]

LandFrust: Besondere Orte

Die Neue LandFrust ist da. Jetzt neu und nirgendwo am Kiosk, dafür hier.

Und heute geht es um Orte. Besondere Orte.

Wahrscheinlich geht es nicht nur mir so, dass es Orte gibt, die besonders sind. Meistens in der Natur. Ein Baum mit dem ich mich verbunden fühle. Ein Waldrand. Ein Stück Flusslauf. Ein Platz an einem See – manchmal sind es gar keine realen Orte, das Stückchen Seeufer an das ich denke, befindet sich auf einem Gemälde! Oft sind es auch gar keine besonders außergewöhnlichen oder besonders schönen Orte. Für zufällige Passanten nur ein Stück Weg, aber für mich irgendwie richtig und wichtig.

Wie gesagt: Meistens passiert mir das in der Natur, solche Orte zu finden. Aber es gibt sie auch in Städten und besonders merkwürdig für mich ist, dass einer meiner besonderen Orte ein Hotel ist. Es ist eines dieser alten Hotels, in dem kein Zimmer dem anderen gleicht – obwohl überall die gleichen in die Jahre gekommenen Hotelmöbel stehen. Es ist nicht besonders schick, teuer, edel und statt Kunst haben sie offensichtlich selbst gebastelte Collagen an die Wände gehängt. Oder großformatige Photos, deren Körnung deutlich zeigt, dass es sich ursprünglich um einen Urlaubsschnappschuss handelte, der über seine Möglichkeiten hinaus vergrößert worden ist. Viele der Zimmer haben winzige Balkone mit Metallgeländer, die von Pflanzen überwuchert sind. Die Badezimmer sind etwas veraltet und es kann vorkommen, dass sie völlig überdimensioniert sind – leerer gekachelter Raum mit ungenutzten Nischen. Im Frühstücksraum läuft Klassik-Radio und man blickt auf einen kleinen bepflanzten Hinterhof. Die Chefin schminkt sich, als würde sie sich seit Jahren standhaft weigern, einzusehen, dass sie eigentlich eine Brille tragen sollte. Es gibt einen winzigen Aufzug, der nur über eine Treppe erreichbar ist und eine meiner größten körperlichen Leistung bestand darin, die Babyschale meines Kinderwagens das enge, aber sehr schön gewendelte, Treppenhaus hoch zu schleppen. Aber was dieses Haus zu einem besonderen Ort macht, entzieht sich solcher alltagspraktischen Fakten.

Ich bin dort eines Morgens viel zu früh erwacht. Ich legte mich, schon vollständig angezogen, wieder ins Bett. Die Balkontür stand offen, der Vorhang wehte mit den Duft der Blumen auf dem Balkon herein. Es war ein äußerst friedlicher Moment und ich sah mir mindestens eine Stunde lang noch Videos im Internet an. Vielleicht ist also so ein besonderer Ort nur abhängig von kostenfreiem WLan in den Zimmern.

InsideInteressanterseits: Fremde Freund_innen

Warum ich (manchmal) Fremden meine Handynummer gebe.

Ich möchte heute über ein eher trauriges Thema schreiben – es hat für mich zwar positive Konsequenzen, aber wer nicht in der Stimmung für ernste Themen ist, sollte jetzt nicht weiter lesen. Ich glaube, ich habe tatsächlich schon mal darüber geschrieben, aber ich weiß nicht mehr wo und daher hier im Zweifelsfall eine Dublette. Es ist mir jedenfalls wichtig.

Ich gebe, wie gesagt, manchmal Menschen meine Handynummer, obwohl ich sie noch nie ‚in echt‘ gesehen habe. Meistens weil wir uns unterhalten haben und sympathisch waren und deshalb über weitere Medien im Kontakt bleiben wollen. Über diese Gelegenheiten möchte ich heute nicht schreiben. Sondern über die anderen.

Es kommt vor, dass in den sozialen Netzwerken, in denen ich mich bewege, Menschen ihre Probleme und Tiefpunkte teilen. Da kann ich, wenn ich selbst gerade ruhig und gefasst bin, oft einfach nicht vorbei klicken, sondern versuche wenigstens ein gutes Wort für diese Person zu haben. Ab und an jedoch habe ich aus einer grundlegenden Sympathie für die Person, deren sonstige Beiträge ich immer mit Freude und Interesse gelesen habe, das Bedürfnis mehr zu tun. Und dann schreibe ich auch mal so etwas wie: „Wenn Du reden möchtest: ruf an!“ Und gebe meine Handynummer. Selbst wenn wir vorher keinen direkten Austausch hatten.

Da kann gesagt werden, das ist doch riskant. Aber ich sage dagegen: Nicht die Hand ausstrecken, ist auch riskant. Oder kann riskant sein.

Damit wären wir nämlich am traurigen Teil. Ich habe nämlich auch schon nicht die Hand ausgestreckt, weil ich es schon für zu riskant gehalten habe, Menschen anzusprechen, die ich zwar vom Sehen und oberflächlichem Kontakt kannte, aber eben nicht näher. Und drei Mal geschah es, dass sich so ein Mensch das Leben genommen hat. Alles drei waren Menschen, die mir unerklärlich sympathisch waren, bei denen ich jedoch keinen offensichtlichen Grund hatte, mehr mit ihnen zu tun zu haben. Fremde irgendwie, aber freundliche Fremde. Menschen deren angenehme oder zumindest nicht weiter störende Existenz ich für selbstverständlich hielt. Und plötzlich existierten sie nicht mehr. Nie war ich direkt und persönlich von ihrem Selbstmord betroffen. Ich war nicht einmal eine Bekannte. Aber immer hatte ich vorher mehr als einmal zu mir selbst gesagt: „So eine interessante Person! Wäre doch schön, die mal näher kennen zu lernen oder wenigstens länger zu sprechen.“ Aber es gab nie ‚Gründe‘ mich zu überwinden, sie anzusprechen. Und dann gab es keine Möglichkeit mehr.

Ich weiß nicht, kann es nicht wissen und maße es mir auch nicht an zu wissen, ob ein Kontakt irgendetwas an ihrem Entschluss geändert hätte. Aber rückblickend erscheinen mir die Hemmnisse, die mich davon abhielten sie anzusprechen, so lächerlich. Natürlich, so wie es gelaufen ist, habe ich mich nicht belastet. Habe keinen Freund oder Freundin (die sie mir vielleicht hätten werden können) verloren. Ich umging das Risiko, sie noch tiefer in die Verzweiflung zu treiben (denn wer weiß, ob ich gut für sie gewesen wäre). Es hätte vermutlich ganz insgesamt überhaupt keinen Unterschied für diese drei Personen gemacht.

Aber für mich. Für mich hätte es einen Unterschied gemacht.

Und das ist der Grund, warum ich jetzt, wenn sich das für mich richtig anfühlt, die Arme weit öffne. Nicht weil ich denke, dass gerade ich irgendwem helfen kann, sondern um meinen eigenen Gefühlen nachzugeben. Und zwar den positiven. Dem Gefühl der Verbundenheit und Sympathie. Der Empathie und dem Gefühl ‚mir geht es gut, ich möchte das teilen‘. Denn bisher habe ich ja nur dem Gefühl der Unsicherheit nachgegeben, der Angst zurückgewiesen zu werden oder jemanden zu stören. Jetzt denke ich, die werden sich schon gegen Aufdringlichkeit wehren, wenn sie mich denn als aufdringlich empfinden. Und ich kann mir sagen: Ich ergreife die Chance fremde Freund_innen kennenzulernen.