Fashionblog: Sauerkraut (16/33)

Wie der Titel schon sagt, geht es heute um Sauerkraut. Also ums Essen und ein bisschen – wie häufig beim Thema Essen – um Kindheitserinnerungen. Und ein bisschen was Lustiges ist auch dabei.

Nebensächlichkeit Nr. 16: Sauerkraut.

Oh, ich weiß, was ihr denkt! Sauerkraut! Das wird ein kurzer Blogbeitrag! Was soll sie über Sauerkraut schon schreiben?! Eine der günstigsten Konserven in deutschen Supermärkten. Günstig, dafür aber sehr gesund. Eines der Lebensmittel die das Überleben in Mitteleuropa sicherten, als es noch keinen globalen Handel in heutiger Form gab. Etwas, das die Mitteleuropäer hatten, wenn anderswo noch Früchte und Gemüse frisch gedieh, aber bei ihnen das raue Wetter gerade mal Äpfel zulässt. Und neben denen eingelagert im Keller das Sauerkrautfass. Ja, was dazu weiter schreiben, wenn ich mich nicht in solchen historischen Details verlieren möchte? Wo ich doch vor allem auch keine Muse habe, die Erfolgsgeschichte des Sauerkrauts wissenschaftlich sorgfältig zu recherchieren. Ja, was schreiben?!

Sehr viel. Oh ja.

Als ich ein Kind war mochte ich Sauerkraut nicht bzw. ich habe es nicht gegessen. Tatsächlich war ich mir relativ sicher, dass ich den Geschmack mögen würde, wenn ich es essen würde, aber es war mir doch zu verdächtig pflanzlich, ich hielt mich also an die Fleischbeilagen. Heute esse ich lieber das Sauerkraut als die Fleischbeilagen. So kann sich das drehen. Aber mein eigentlicher Punkt ist, dass Sauerkraut einen Geschmack hat, der sich für mich in meiner persönlichen Geschmackswahrnehmung nicht geändert hat. Anders als zum Beispiel Oliven, die ich erst im Laufe meines Erwachsenenlebens zu schätzen lernte oder natürlich Kaffee, bei dem ich mich noch gut erinnern kann, wie widerlich ich ihn fand. Das sind zwei Beispiele, die wahrscheinlich für viele Menschen ihren Geschmack eigenartig ändern über mehrmaliges Probieren hinweg. Es ist eine Art der Gewöhnung und langsamen Wertschätzung. Bei Bier scheint das für viele ähnlich zu sein, aber bei mir hat da die Wertschätzung nie eingesetzt. Sauerkraut jedoch hat einen Geschmack, den ich – über das darin servierte Fleisch – auch als Kind kannte und schätzte. Ich weigerte mich eben einfach nur sehr lange es zu essen. Das änderte sich bei Sauerkraut, aber nicht bei anderem. Meerestiere zum Beispiel. Fisch esse ich sehr gerne, aber Krabben, Krebs, Muscheln usw.? Danke nein. Ähnlich wie beim Sauerkraut meiner Kindheit, weiß ich, dass mir das schmeckt oder schmecken würde. Ich habe es bei verschiedenen Gelegenheiten schon gegessen. Ich weiß, dass mir der meerige Geschmack zusagt. Aber nein. Das trifft sich natürlich heutzutage ganz gut mit meinem Vorsatz keine Tiere zu essen (oder zumindest nicht regelmäßig), daher mache ich mir nicht die Mühe, mich selbst in diesem Punkt komisch zu finden. Ich denke aber, dass meine Weigerung Meeresfrüchte zu essen, etwas mit der Konsistenz, also dem Mundgefühl zu tun hat. Und so war das wohl auch beim Sauerkraut. Klein-Julia mochte einfach nicht, wie sich das anfühlte im Mund. Und die heutige kleine Julia hat, was das anbelangt, immer noch Vorbehalte. Denn so gern ich ab und an Sauerkraut esse – ich esse es nicht roh und ich trinke keinen Sauerkrautsaft. Wer sowas macht? Also Sauerkrautsaft trinken?! Das gebe ich mit Verweis auf den Quellenschutz natürlich nicht bekannt (haha, Quellenschutz… ich bin gar keine Journalistin, aber psssst!). Ich möchte ja niemanden bloß stellen… ich schüttle mich bei dem Gedanken. Also dem Gedanken an Sauerkrautsaft. Brrrrr.

Aber da gibt es noch mehr zu erzählen aus meiner Sauerkraut-Kindheit. Es gab nämlich mal eine Trickfilmserie, die „Sauerkraut“ hieß. Oder so ähnlich. Ich habe auch das nicht recherchiert sondern verlasse mich gerade auf meine romantisch verklärten Kindheitserinnerungen. Es ging irgendwie um ein Dorf und um Sauerkraut und das Dorf hieß Sauerkraut. Und mein Bruder J und ich haben das gerne angeschaut. Er hatte sogar eine Plüschfigur der Serie – den Dorftrottel. Und dass das unsere Lieblingsfigur war, dürfte eigentlich niemanden überraschen. Ob und in welcher Form der Konsum dieser Serie ‚gut‘ war für uns, weiß ich nicht. Meine Mutter versicherte mir kürzlich, dass das „ganz nett“ gewesen sei – Dorfprobleme, die dann gemeinsam oder durch die ‚Dummheit‘ des Dorftrottels gelöst wurden. Wobei – hier stütze ich mich mehr darauf, was meine Mama mir sagte, als auf meine kindliche Beobachtung – diese ‚Dummheit‘ mehr eine Einfältigkeit im Lutherischen Sinne gewesen sein muss. Bei Luther ist nämlich Einfalt die EINE Falte des Herzens. D.h. da ist das Herz ein ehrliches und einfaches, keine Hinterlist in ihm, keine Doppelbödigkeit. Eigentlich recht sympathisch.

Ja, ich halte das für eines meiner Talente so aus dem Nichts Luther bringen zu können. Ist ja auch schon bald wieder Reformationstag, wo die Kinder in Gespensterkostümen von Haus zu Haus gehen und Lutherbonbons von meinen ehemaligen Theologieprofessoren bekommen und wir Evangelischen uns ärgern, dass der Tag nur alle 100 Jahre mal Feiertag ist. Na wenigstens Bonbons und nicht Sauerkraut.

Also es sollte jetzt schon klar geworden sein, dass ich überhaupt nichts gegen Sauerkraut habe. Ich mag auch das koreanische Pendant dazu: Kimchi. Sehr lecker. Überhaupt ist Koreanisches Essen sehr lecker. Ich sage immer, dass koreanisches Essen für den deutschen Geschmack wahrscheinlich der einfachste Weg ist, sich den unterschiedlichen asiatischen Kochtraditionen anzunähern. Da gibt es Kimchi, was wie Sauerkraut ist nur mit Paprika gewürzt (alle Kenner_innen der koreanischen Küche müssen mir hier meine kruden Vereinfachungen verzeihen) und Omelettes mit Frühlingszwiebeln… okay jetzt bekomme ich Hunger. Also doch ganz einfach Sauerkraut. Kann doch eigentlich jeden Tag gegessen werden?! Vielleicht nicht zum Frühstück, aber abends… Nach einmal Aufwärmen ist es dann ja auch besser als am Vortag. Und wie gesagt günstig..

Meine Oma erzählte kürzlich, dass (ich glaube es war ihr) Onkel von seiner sparsamen Frau eine Woche lang Sauerkraut abends serviert bekam. Doch selbst der enthusiastischste Schwabe scheint da an seine Grenzen zu kommen. Als am Freitag schon wieder Sauerkraut im Topf auf dem Tisch stand, wurde er wütend und packte das Nächstbeste und setzte es in den Topf.

Es war die Katze.

LandFrust: Haustiere (15/33)

Heute spreche ich über Haustiere. Unübliche und unmögliche Haustiere, allerdings geht es weniger exotisch zu als ihr jetzt denkt, wenn ich sage, dass ich auch kurz mal über Spinnen rede.

Nebensächlichkeit Nr. 15: Haustiere.

Auch diese Nebensächlichkeit ist mir zugetragen worden: Unübliche und unmögliche Haustiere. Und ich muss sagen, dass ich mich erschreckend wenig mit diesem Thema auskenne. Insbesondere erschreckend, weil ich doch irgendwie schon zuständig bin für das Leben und Sterben von einigen Lebewesen in meinem direkten Umfeld. Aber sind wir das nicht alle… Was ich meinte ist, dass ich keine Haustiere halte und nicht vor habe, welche zu halten. Zumindest keine üblichen, aber vielleicht doch mal unübliche, das muss ich jetzt mal kurz durchdenken.

Wir hatten ja mal einen Hund. Und der war schon manchmal echt unmöglich. Im Alter gehörte es zu ihren (sie hieß Susi) liebsten Hobbies einfach auf dem Feld zu sitzen. In ihrer Jugend war sie motivierter, außer wenn es regnete, denn dann wollte sie nicht aus dem Haus gehen. Und mein ganzes Studium hindurch war „Susi“ mein Geheimwort, wann immer ich ein geheimes Codewort brauchte (was häufiger vorkam als anzunehmen war). Auch unmöglich sind die Katzen meiner Brüder. Also für mich unmöglich, denn ich bin allergisch und wir Alle (=mein Papa und ich) wissen, dass Katzen am liebsten bei den Leuten auf dem Schoß sitzen, die allergisch sind. Außerdem sind sie auch noch unmöglich groß. Katzen Nummer grau und rot von Bruder Nummer 3 sind lediglich so groß, dass ich mir wie die Zuschauerin einer Löwenbändigerinnen-Nummer vorkam als Kuku sie zum ersten Mal sah und Katze Nummer rot ihr direkt mal die Pfoten auf die Schultern legte. Da bin ich jetzt natürlich im Nachhinein froh, dass das nicht die Katzen Nummer groß und größer von Bruder Nummer 2 (offensichtlich bin ich in unserer Familie die Nummer eins…) waren denn da wäre meine Kuku einfach mal komplett platt gewesen. Das erste Mal sah ich diese Katzen auf einem Photo und die Katze Nummer größer saß neben einem Staubsauger. Kennt ihr das, wenn ihr ein Photo von etwas seht und die Größe falsch einschätzen würdet, würde da nicht ein Markstück (ja in meiner Vorstellung ist es auch immer noch ein Markstück) ins Bild gehalten werden? So in etwa. Nur mit Staubsauger…. Dann doch lieber Katze Nummer grau, das ist das Fellkissen da drüben und wenn dich das runde Ding mag, dann nuckelt es an deinem Tshirt.

So ganz unüblich sind diese Viecher wohl nicht als Haustiere. Anders als Spinnen. Die versuche ich ja jetzt immer Tierliebenden als meine Haustiere zu verkaufen und tatsächlich hat eine unserer Spinnen die gesamte Urlaubsreise in unserem Außenspiegel mitgemacht. Da saß sie hinter dem Glas und hat hervorgespitzt und hin und wieder ist sie rausgekrabbelt und hat ihr Netz gerichtet. Ganz fleißig. Und wir wurden wirklich seltener als sonst von Mücken zerstochen. Nützlich!

So richtig unüblich ist aber wohl das Haustier mit dessen Anschaffung ich nun doch liebäugele. Pflegeleicht, lässt sich immer streicheln und ist in allen Preisklassen erhältlich. Da ich aber ein Fan von naturnaher Aufzucht bin, möchte ich es mir in der freien Wildbahn fangen. Nein ich rede nicht von digitalen Taschenmonstern, die ich mir aufs Handy laden könnte. Ich rede vom viel gepriesenen aber selten angeschafften „pet stone“ also dem Haustierstein. Es ist ein Stein. Als Haustier. Vielleicht ein bisschen ein unmögliches Haustier, weil so ein Stein ja strenggenommen kein Tier ist. Aber über solche Haarspaltereien gehe ich großzügig hinweg. Und in Gruppen völlig unproblematisch zu halten auch und gerade im Außenbereich, wie in beliebigen Neubausiedlungen vorgeführt wird. Perfekt.

Und ins Bett darf er auch – vielleicht sogar leicht im Wasserbad vorgewärmt…

LandFrust: Action (14/33)

Heute gibt es ein wildes Rennen. Haltet euch fest. Und die Mama ist auch dabei.

Nebensächlichkeit Nr. 14: Action.

Ihre Finger zitterten, sie ballte sie zur Faust und schloss die Augen. In ihrer Brust brodelte der Herzschlag. Langsam stieg die Nervosität in ihr auf. Die Beine steif durchgestreckt wie eine Turnerin verharrte sie noch reglos, noch ein Moment der Ruhe. Gleich ging es los. Die Gedanken hinter den bunten Farben, die sie auf ihren geschlossenen Lidern sah, fokussierten sich. Sie wusste, was jetzt zählte, und holte tief Luft. Ihre geballten Hände brachte sie in die richtige Position, angewinkelt vor der Brust. Rücken gerade, Kopf gereckt. Dann ging es los. Ihre Füße waren so leicht, als müssten sie den Boden nicht berühren. Die Strecke sprang ihr entgegen. Ihre Beine fanden den Weg von selbst, umtanzten die Hindernisse. Die Nervosität löste sich auf in einem Geschwindigkeitsrausch. Ihr gelocktes Haar flatterte frei um ihren Kopf, nichts engte sie ein. Die Welt verengte sich auf einen Pfad vor ihr und niemand konnte sie einholen. Sie wusste, dass sie noch schneller rennen konnte, sie nutzte das. Beschleunigte im entscheidenden Augenblick, nahm dennoch die Kurve mit Eleganz. Der Jubel in ihrem Kopf brandete los. Sie wusste, sie war die Beste. Dafür brauchte sie keine Ergebnisse zu sehen, niemand musste ihr das sagen. Fast war sie verwundert, dass ihr Atem schwerer ging, als sie dann doch zum Stehen kam. Stolz glühte durch sie hindurch. Das war keine Erschöpfung, das war Glanz und Triumpf, das war die Vorfreude auf das nächste Rennen. Nur wie von Ferne drang langsam die Wirklichkeit wieder zu ihr. Völlig unbeeindruckt von ihrer Leistung schien alles noch am selben Platz zu sein wie vorher und die Mama rief: „Gehst du jetzt bitte Händewaschen! Wir wollen Essen! Du kannst nachher weiterspielen.“

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[Ich schwöre, gerade war Kuku noch da…]

LandFrust: Brotzeit (13/33)

Heute spreche ich übers Sprechen. Und übers Essen. Und übers Sprechen übers Essen. Hier im Süden des deutschen Sprachraumes. Aber ich winke auch ein bisschen nordwärts.

Nebensächlichkeit Nr. 13: Brotzeit.

Ich bin aus einem guten Grund Germanistin geworden. Ich liebe die deutsche Sprache und die deutschsprachige Literatur. Leider bin ich keine Spezialistin für alle Dialekte des deutschen Sprachraums, aber sie faszinieren mich. Eine Sprache wird nicht durch Landesgrenzen eingegrenzt. Sie wird geformt und belebt durch die sie sprechenden Menschen. Alle Menschen, die deutsch sprechen, gestalten diese Sprache mit. Dabei halten wir uns natürlich an bestimmte Regeln oder „Konventionen“ (was ich bevorzuge), denn die Sprache wandelt sich und was vor ein paar Jahrzehnten noch „Slang“ war, steht heute als Variante im Duden und wird eventuell irgendwann von Deutschlehrenden im Schulaufsatz nicht einmal mehr wahrgenommen. Aber was wo verstanden wird, also welche Konvention im Deutschen wo genau gilt, das ist ein interessantes und weites Feld. Besonders interessant deshalb, weil Sprache ja nicht im luftleeren Raum existiert, sondern immer etwas bezeichnet. Wir sprechen ja ÜBER etwas oder VON etwas. Und manchmal haben wir Hunger.

Und dann ist es ganz gut, wenn wir uns verstehen. Damit wir wissen, von was wir sprechen und was wir dann essen.

Zum Beispiel eine Brotzeit.

Da wo ich herkomme, da gibt es keine Brotzeit. Da wo ich herkomme, da essen wir abends ein Vesper. Das Vesper. Nicht die Vesper. „Die Vesper“ ist ein liturgischer Begriff. Ich langweile euch nicht mit den Einzelheiten, aber in meiner Dissertation kommt das Wort „Vesperbild“ vor und es hat leider nichts mit Abendessen zu tun. Denn abends da vespern wir – also meine Herkunftsfamilie und ich. Auch mein Mann, die Kinder und ich vespern abends oder mittags oft. Und wenn Kuku in die Schule kommt, werde ich wohl auch eine Vesperbox packen. Das Vesper ist eine kalte Mahlzeit mit Brot oder Brötchen und einer Auswahl an Aufschnitt (Käse oder Wurst, auch in ihren jeweiligen veganen Varianten) und gerne auch sauer eingelegtes Gemüse oder hartgekochte Eier – es ist einfach eine unkomplizierte Art gemeinsam zu essen. Und Alles, was zum Vesper Zuhause gegessen werden kann, lässt sich auch gut in einer Box mit in die Schule oder den Kindergarten nehmen. Da essen dann die Schulkinder in ihrer Pause ihr mitgebrachtes Vesper. Wobei mit dem wachsenden Einfluss der internationalen Küche so eine Vesperbox durchaus auch einem japanischen Bento ähneln kann und mit einem kalten Reis- oder Nudelgericht gefüllt ist. Oder doch auch wieder mit Vesperbroten. Denn auch in Japan schmecken Sandwiches ganz gut – hab ich gehört.

Jetzt im letzten Kindergartenjahr von Kuku werde ich noch keine Vesperboxen füllen, denn in unserem Kindergarten wird gebrotzeitelt. D.h. es gibt eine Brotzeit. Eine (bayerische) Brotzeit unterscheidet sich von einem (schwäbischen) Vesper durch eigentlich nix. Es ist ein Wort, das als Verb verwendet werden kann (brotzeiteln/vespern) und das auch eine Mitnahmebox in der Schul- oder Kindergartentasche bezeichnet. Im Einzelnen gibt es natürlich bayerische bzw. schwäbische bzw. regionale Spezialitäten, die dann zum Vesper oder zur Brotzeit gereicht werden. Aber nach allem, was ich in letzter Zeit beobachten konnte, kann Brotzeit und Vesper mehr oder weniger austauschbar verwendet werden. Mehr oder weniger, denn eine interessante Information enthält die Wortwahl ja schon: Nämlich woher ich komme bzw. wo ich sprechen und wahrscheinlich auch kalte Gerichte kennengelernt habe. Oder mit wem ich verheiratet bin. Denn es kommt durchaus vor, dass auch von der Kindergarten-Brotzeit auf Hochdeutsch als von der „Jause“ gesprochen wird. Da wird es dann schwierig für mich. Die Jause und jausen meint nämlich auch mehr oder weniger das Gleiche wie Brotzeit/brotzeiteln (ich habe auch schon die Variante „broteln“ gehört) und Vesper/vespern. Aber eben nicht ganz – ich meine, gesagt bekommen zu haben, dass es eine Jause am Abend nicht gibt, wohingegen Vesper und Brotzeit v.a. abends gegessen werden. Was ich jedoch sicher sagen kann, ist, dass es eben prägt mit Sprecher_innen aus Österreich oder aus dem Schwäbischen zusammen zu leben und so kommt das dann, dass sich in Hochdeutsch oder zumindest in unauffällig mitteldeutschen Dialekt ein Wort wie „Jause“ einschleicht. Oder eben gemeinsam gevespert wird.

Und was ich auch sicher weiß, ist, dass Sprache das Denken prägt. Ich weiß zwar theoretisch, dass es möglich ist, eine kalte Mahlzeit einzunehmen ohne das Wort „Vesper“ zu kennen, aber ich… naja… „Kalte Mahlzeit“, da denke ich an ein Hauptgericht, das kalt gegessen wird. Wenn Menschen die Wörter „Vesper“ und „Brotzeit“ nicht kennen, dann fällt oft in unserem klärenden Gespräch das Wort „Abendbrot essen“. Wenn mein Mann zu mir sagen würde: „Lass uns Abendbrot essen!“ Dann würde ich fragen: „Was sollen wir denn essen? Vesper?“ Für diese bestimmte Art der Mahlzeit habe ich schlichtweg kein anderes Wort. „Brotzeit“. Daran habe ich mich gewöhnt. Aber ich verwende es nur, wenn ich etwas Bayerisches bezeichne. Zum Beispiel wenn es eine Mahlzeit ist, die im (bayerischen) Kindergarten passiert.

Ich könnte jetzt schließen mit der Feststellung, dass wir Deutschsprechenden getrennt sind durch unsere gemeinsame Sprache in ihren Regiolekten und Dialekten, ihren Austriazismen (und Helvetismen und Belgizismen und natürlich Teutonismen…) und Anglizismen und insgesamt ihrer Vielfalt. Aber das stimmt nicht nur. Wir sind getrennt einerseits, andererseits verstehen wir uns und interessanterseits scheint es eine Menge Menschen zu geben, die auf diese bestimmte Art Brot mit einer Auswahl an Aufschnitt und kleineren Beilagen essen und auch so für unterwegs, für die Pause mitnehmen und den Kindern mitgeben. Auf eine Art, die ein eigenes Wort verlangt, das sich dann nur schwer übersetzen lässt und – ist es einmal bekannt und im Leben erlebt – eine Gemeinschaft definiert, zu einem gemeinsamen, einem geteilten Erlebnis wird.

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Aber vielleicht überbewerte ich die Bedeutung von Brot.

Vielleicht.

Wahrscheinlich nicht.

Fashionblog: Nähmaschine (12/33)

Heute spreche ich tatsächlich einmal über Mode. Oder vielleicht auch einfach nur über Kleidung. Und übers Nähen. Und über meinen Bruder J, der Geburtstag hatte und dem ich hiermit nocheinmal nachträglich gratuliere. (Alles Gute!!)

Nebensächlichkeit Nr. 12: Nähmaschine.

In keinem meiner theoretischen Interessensgebiete habe ich mehr theoretisches Praxiswissen als bei Handarbeiten. Ich komme aus einer sehr kreativen, handarbeitenden Familie. Ein quasi angeborenes Ästhetikgefühl und das Bedürfnis Dinge zu gestalten, ist fast so etwas wie ein Kennzeichen innerhalb meiner Verwandtschaft. Auf unterschiedliche. Sehr unterschiedliche Art und Weise versteht sich. Und da kommt es dann schon vor, dass ich beinahe unbemerkt Wissen sammle in Bereichen, von denen ich strenggenommen keine Ahnung habe. Nähen zum Beispiel. Ich weiß grob wie eine Nähmaschine funktioniert. Und ich bin recht geschickt darin Kleidung zu flicken und Knöpfe anzunähen. Das war es aber auch schon.

Doch durch jahrelangen Konsum von Nähmagazinen finde ich mich durchaus zurecht, wenn Näher_innen sich untereinander austauschen. Und ich kann meinem Bruder J folgen, wenn er mir von seinen neusten Nähprojekten erzählt. Anders als ich, hat er sein Nähwissen praktisch erlangt. Er näht einfach. Legt Stoffe um Nähpuppen, steckt fest und dann lässt er seine Nähmaschine drüber rumpeln und kreiert Kleidungsstücke, die durchaus mit dem mithalten können, was einem im Fernsehen geboten wird. Ich sage nicht umsonst ‚Fernsehen‘ denn sein Hobby hat viel mit dem Gemein, was wir in großen Filmen zu sehen bekommen. Kulisse, Kostüme, Darstellung. Ich bekomme Photos und staune.

Wir reden oft über Mode, er und ich. Wir tauschen uns aus, was vorteilhaft ist oder eben nicht. Und manches mal sind wir schon überein gekommen, dass es nicht immer so wichtig ist, wie vorteilhaft Kleidung letztlich ist. Denn mancher Vorteil ergibt sich gerade aus Unvorteilhaftigkeit. Aber das hat eine Weile gedauert, bis wir das begriffen hatte. Vor ungefähr 20 Jahren war ich das erste Mal damit konfrontiert gewesen, dass ich einen Modestil gesehen habe und ihn kopieren wollte. Ich war so vernarrt, dass ich sogar phantasiert habe davon. Mir ausgedacht, wie es wohl wäre diese Kleidung zu tragen. Erst jetzt 20 Jahre später sprach ich mit meinem Bruder darüber und erst heute während ich das hier tippe wurde mir klar, wie viel diese Gespräche über (gewollte) Unvorteilhaftigkeit mit meinem Bruder, zu tun haben mit dieser Obsession von damals. Es war ein Manga. Natürlich, denn damals hatte ich diese für mich entdeckt, zeichnete sie selbst oder versuchte es zumindest. Oh, was habe ich für gute Erinnerungen an manche Erzählwelt, in die ich mich immer wieder flüchten konnte. Es war vielleicht auch mit ein Grundstein für meine Studiumswahl, denn ich begriff damals, wie sehr es von der Kultur abhängt, was wir erzählen. Und wie sehr unsere Kultur von dem abhängt, was wir erzählen. Aber was mich bis heute zurückdenken lässt, ist die Ästhetik. Diesen jeweilien „Look“, den so ein japanischer Comic hat. Und es war eine kleine Serie, die wohl kaum jemand kennt, die mich nachhaltig faszinierte. Ich habe die Geschichte nicht so ganz begriffen bzw. sie fesselte mich nicht besonders, aber der Kleidungsstil der Hauptperson. Der fesselte mich. Sie stellte eine nicht-irdische Person dar, die dann auf Erden lernen musste, nicht aufzufallen und wie ein „ganz normales Mädchen“ auszusehen. Und die Umsetzung, die dafür gewählt wurde, war weit von dem entfernt, was ich als „normal“ empfand. Natürlich genau deshalb so besonders „cool“ in meiner Wahrnehmung. Aber bis heute eine leise Fashionikone in meinem Kopf. Ein Mädchen mit überdimensionalen Jacken an. Mehr ist in meinem Kopf tatsächlich nicht zurück geblieben. Das und die Erkenntnis, dass in Realität eine kleine Frau mit so vielen Lagen unförmiger Jacken und Schals wie ein wandelnder Altkleiderberg aussähe. Oder zumindest höchst unvorteilhaft.

Aber es trifft sich mit dem, was ich zu meinem Bruder sagte, was mein Stylingziel und die Grundlage meiner Kleiderwahl bildete: „Ich möchte eigentlich nur aussehen wie eine grau, blau, rose überdimensionale Fledermaus.“ – Eine etwas rundliche Fledermaus mit Puschelhaaren, möchte ich hier hinzufügen. Wobei mein kleines Bäuchlein weniger den Ausschlag für das Adjektiv ‚rundlich‘ bildet, als vielmehr der besagte Lagenlook und die bequeme Weite meiner Kleidung. Vorteilhaftigkeit ist nicht Alles. Mein Bruder stimmte mir zu, dass über Vorteilhaftigkeit manchmal hinweggesehen werden kann. Mit unseren kurzen Beinen, sollten wir tunlichst vermeiden lange weite Strickjacken/-mäntel zu tragen. Aber stattdessen machen wir genau das, lassen unsere Kleiderlagen im Wind flattern und hören im Kopf die Anfangsmelodien von Animeserien (den Zeichentrickverfilmungen zu Mangas), in denen die Heldinnen mit wehenden Haaren gegen den Wind laufen.

Wenn ich eines von meinem Bruder J gelernt habe, dann dass es sich lohnt das zu tragen, worin ich mich wohl und stark fühle. Gleichgültig, ob es in den Nähmagazinen für „kurze Größen“ empfohlen wird. Aber es ist durchaus auch gut, Menschen zu kennen, die die Nähmaschine los surren lassen können. Für dramatische Auftritte oder einfach nur den rechten Abnäher am rechten Fleck.

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[Das Bild zeigt mich, wie ich mich über eine Brüstung nach hinten lehne, es ist bearbeitet und sieht in meinem Empfinden ein wenig nach Comicbuch aus, daher passt es. Das Bild ist allerdings keine 20 Jahre alt. Ich danke an dieser Stelle nochmals herzlich dem Photographen, der sich gerne melden kann, wenn er genannt werden will.]

LandFrust: Flex (11/33)

Heute wieder mal was Kurzes und es ist meinem Bruder V gewidmet.

Nebensächlichkeit Nr. 11: Flex.

Mein Bruder V brauchte zwei Tage um diese eine geheimnisvolle Tür bei meinen Eltern aufzuflexen.

In meiner grenzenlosen Naivität fragte ich nicht danach, ob „aufflexen“ wirklch ein Wort ist. Ist fragte nicht einmal danach, was für eine geheimnisvolle Tür das war. (Allerdings nehme ich es als gegeben hin, dass irgendwo immer irgendwelche Stahltüren existieren, die niemand aufbekommt. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist diese unproblematische Annahme eine hervorragende Basis für eine Horrorgeschichte. Aber ich schweife ab, denn ich denke jetzt an dieses eine Buch, das für mich das unheimlichste Buch aller Zeiten ist. Die Tür dort musste aber nicht aufgeflext werden. Zurück zum Thema.)

Nein. Ich fragte natürlich treudoof:

Warum hat er denn zwei Tage gebraucht um die Tür aufzuflexen?

Antwort: Weil er die Flex erst am zweiten Tag dabei hatte.

LandFrust: Tee (10/33)

Eigentlich hatte ich Dir ja einen Brief schreiben wollen, aber da ich dazu nicht komme und es natürlich auch ganz praktisch ist, eine neue LandFrust Ausgabe so nebenher zu produzieren…

Heute also Nebensächlichkeit Nummer 10: Tee.

Ich verbinde mit Tee so viel angenehmere Bilder als mit Kaffee und dabei trinke ich Kaffee auch sehr gerne. Aber denke ich an Tee, dann ist da Heimeligkeit und Ruhe, hübsche Teedosen und Kultiviertheit. Natürlich denke ich auch an gute Sachen, wenn ich an Kaffee denke, aber ich denke eben nicht an Dich, wenn ich an Kaffee denke. Denke ich jedoch an Tee, dann denke ich auch an Dich. Ich stelle mir vor, wie du nach einem langen Tag heim kommst und dir sorgfältig eine Teetasse auswählst. Du setzt Wasser auf und brühst dir den Tee auf und dann sitzt du da, schaust auf den Stapel an Büchern, die du noch lesen möchtest. Siehst aus dem Fenster auf diesen Ausblick, der dir aus verschiedenen Gründen ans Herz geht. Vielleicht denkst du auch an mich, vielleicht denkst du daran – wenn es wirklich spät geworden ist, als das Wasser endlich kocht – wie du mir schon Tee gemacht hast. Spät war es da auch. Oder früh. Je nach dem von welcher Seite gedacht wird.

Das ist übrigens das, was mir so gut an dir gefällt. Dass du von mehreren Seiten denken kannst. Gleichzeitig. Du sagst jetzt vielleicht, dass das Berufskrankheit ist. Kein notwendiges Übel, aber eine üble Notwendigkeit, die manchmal die einfachen Freuden kaputt macht. Da ist kein Gerede blöd genug, nicht auch Verständnis zu provozieren. Und keine Provokation beredt genug, sich ihr freudig anzuschließen. Das sage ich, obwohl ich weiß, dass wir über Tee auch schon herrlich flach geschumpfen haben und gelästert und flach und blöd waren. Aber ich weiß auch, dass dann bei der nächsten Tasse Tee wieder die gedankliche Pflicht ruft. Abzuwägen und durchzudenken.

Du fragst dich an dieser Stelle jetzt, ob du wirklich gemeint bist, denn du trinkst ja nicht nur Tee. Und eventuell hast du mir auch nie eine Tasse Lavendeltee in den frühen Morgenstunden gemacht und dir die Stirn dabei gerieben und mit mir zusammen gemerkt, dass wir davon trotzdem nur wacher wurden. Denn eventuell liest du das und weißt, dass du nicht gemeint sein kannst. Aber dann sag ich dir: Ich denke an dich. Genau an dich. Wie du deinen Alltag unterbrechen kannst und eine Tasse Tee trinken. Wie du auf die Teeblätter schauen kannst und dich fragen, wo sie gewachsen sind. Und wie du aus dem Fenster schauen kannst und einfach einen Moment andersherum denkst. Und ich stelle mir vor, wir könnten uns auch zusammen an den Tisch setzten und uns unsere Lieblingstassen zeigen und die Geschichten dazu erzählen.

[Ich wurde in der Vergangenheit ermahnt, die Person, an die ich in meinen Geschichten denke, zu informieren. Glaubt bitte meiner Versicherung, dass ich die Person, die mit mir Lavendeltee getrunken hat, immer informiere, wenn ich an sie denke, und die andere Person, die auch gemeint war, kann sich hiermit informiert fühlen. Ja. Ich verwende Du, damit du weißt, dass ich dir gerne liebe Worte mit in den Tag schicken möchte! Wenn schon kein Tee gerade da ist.]