LandFrust: Entweder Robbe oder Walfisch.

Ich versuche mich immer noch im Schwarz-Weiß-Denken, aber heute wird es sogar noch bunter als sonst. Heute geht es um meine Abenteuer in der Schwangerschaftsgymnastik. Oder Walfischturnen, wie ich es nenne.

Zunächst aber vielleicht ein paar hilfreiche Erläuterungen (Stifte raus!), denn ich bin mir sicher, dass das Thema Schwangerschaftsgymnastik eine Menge Fragen aufwirft! Also:

  1. Was ist eine Schwangerschaft? – Nur ein kleiner Scherz, ich nehme an Alle, die bis hierhin gelesen haben, wissen worum es geht. Für alle anderen hier ein Link zu meiner Behandlung der Frage „Schwanger oder nicht?“.
  2. Was ist das Besondere an Schwangerschaftsgymnastik und warum turnen dabei Walfische mit? – Das ist der Teil, der diesen Beitrag hier geeignet erscheinen ließ, in meiner fiktiven Zeitschrift ‚LandFrust‘ veröffentlicht zu werden. In dem Ort, in dem ich lebe, gibt es genau einen Schwangerschaftsgymnastik-Kurs und der nennt sich: „Schwangerschaftsgymnastik im Wasser“ und findet direkt vor dem Kurs „Rückbildungsgymnastik im Wasser“ statt. Und nur zur Vorwarnung, sollte jemand hier in der Gegend danach fragen wollen: Die nächste größere Stadt von mir aus gesehen ist Passau und im lokalen Dialekt ist die Aussage, dass man zur Gymnastik nach Passau fährt oder selbige im Wasser macht, nur anhand der zumeist halbverschluckten Worte „im“ bzw. „auf“ zu unterscheiden – „auf Passau“ oder „im Wasser“… was meint ihr, wie irritiert ich damals war, als mich meine Hebamme (die zu mir zur Nachsorge kam nach der Geburt meines ersten Kindes) informierte, dass sie nicht ‚hier‘ im Kreissaal tätig sei, sondern … „im Wasser“ … nun ja… ich schweife ab. Also: Walfischturnen – es ist recht wichtig in der Schwangerschaft ein bisschen aktiv zu bleiben und ich muss allen Leuten recht geben, die dafür eine Aktivität im Wasser empfehlen – es ist wirklich sehr angenehm.
  3. „Wie lang dauert‘s denn noch?“ – Also der Schwangerschaftsgymnastik-Kurs findet noch zweimal statt und dauert etwa eine Stunde. Aber ich gehe heute nicht hin, weil ich ein klein wenig erkältet bin. Meine Lieblingsschwiegermutter sagt ja, das sei recht normal, dass man kurz vor der Geburt nochmal krank wird. Wobei „kurz“ natürlich relativ ist. Ich habe morgen die 36 Wochen hinter mir, die so ein Baby braucht, um sich so weit zu entwickeln, dass man nicht mehr von einer Frühgeburt sprechen würde. Anders gesagt: der Countdown beginnt. Es ist diese Zeit in der hier in meinem Stammbuchladen (dem einzigen Buchladen hier) darüber spekuliert wird, ob ich schon im Krankenhaus bin, sobald mein S.O. für mich ein bestelltes Buch abholt. Und die Zeit in der Leute neben mir im Supermarkt leicht nervös werden und versuchen unauffällig möglichst weit weg zu kommen – insbesondere dann, wenn ich leicht stöhnend meine Hand auf meinen Bauch lege.

Nachdem das alles geklärt wäre, zurück ins Wasser. Kaum etwas hat mir in der letzten und in dieser Schwangerschaft mehr Freude bereitet als das Walfischturnen. Das lag natürlich an den unterschiedlichen Beobachtungen, die es mir ermöglicht hat, die Wichtigste davon: Es gibt zwei Gruppen von Menschen, die bei passender Gelegenheit ihre Nase an der Scheibe plattdrücken, wenn hinter dieser Scheibe dicke Frauen im Wasser planschen: ältere Männer und kleine Kinder. Es gibt eine Gruppe, die dann anfängt die entsprechenden Planschbewegungen nachzumachen… ratet welche?! Richtig, die mit den Bierbäuchen.

Auch recht interessant – etwas, das mir beim ersten Mal gar nicht so sehr aufgefallen ist – es gibt sehr viele unterschiedliche Formen von „schwanger sein“. Es gibt Frauen, die sehen noch zwei Wochen vor der Geburt nicht viel anders aus als sonst und solche, wie mich, die schon seit Mitte der Schwangerschaft allseits beruhigt werden, dass es ja „nicht mehr so lang hin“ sei. Frauen, die, wie ich bei meiner letzten Schwangerschaft, regelrecht unförmig werden, mit aufgequollenem Gesicht und einem Bauch, der jegliche evtl. vorhandene Sanduhrform verschluckt und der ein 1Kilo Paket Zucker im Gegensatz als vorteilhaft angezogen erscheinen lässt. Und es gibt Frauen, die so zart aussehen, dass man sich wundert, wie sie es geschafft haben den riesigen Gymnastikball zu verschlucken, der sich zwischen ihrem Bikiniober und -unterteil hervorwölbt. Im direkten Vergleich – und auch das ist interessant, denn man hat ja ansonsten selten Gelegenheit so viele spärlich bekleidete Schwangere auf einem Haufen zu sehen – gehöre ich dieses Mal eher zur Gymnastikball-Fraktion. Das letzte Mal sah ich erst am Ende aus, als hätte ich einen Ball verschluckt … und am Rest des Körpers als wolle ich mich dringend den Formen meines Mehl-Aufbewahrungsbehälters annähern.

Aber es gibt natürlich noch mehr Erfreuliches, außer der Erkenntnis, ob man eher zu den Robben oder den Walfischen gehört. Nämlich die Kernkompetenzen, die man erlangt. Kompetenz Nr. 1: Akustik. Egal wo im Becken du gerade herumtreibst, du wirst die Anweisung der anleitenden Hebamme „sich in den Hüften zu wiegen“ als „mit dem Popo spielen“ missverstehen – und deine Nebenfrau ebenfalls. Kompetenz Nr. 2: Der korrekte Umgang mit Schwimmnudeln. Man stelle sich einen bunten Regenbogen vor und auf jedem Farbstreifen des Regenbogens sitzt eine schwangere Frau. Fröhlich in Formation durch das Wasser gleiten. Ich hatte immer unterschätzt wie großartig Schwimmnudeln sind. (Sie geben kleine Luftbläschen ab, wenn man sie drückt!) Und man kann mit ihnen Übungen machen, denen ich für mich lustige Namen gebe wie: der fröhlich wandernde Regenbogen, die fröhlich radelnde Walfischparade, das fröhliche Regenbogenkarussell und natürlich der fröhlich bunte Hometrainer. Überhaupt: was kann es Beglückenderes geben als ein Kreis dicker Walfisch-Frauen, die beide Enden ihrer Schwimmnudel umfassen, zusammen und auseinander drücken und dabei im Kreis laufen (wandernder Regenbogen!!). Oder Schwangere, die auf ihrer Schwimmnudel sitzend, das Ende der Schwimmnudel der Vorderfrau umfassen und sich dann „radelnd“ in einer langen Schlange fortbewegen, während hinter der Glasscheibe ein dicker Mann ihnen die „richtige“ Bewegungsabfolge netterweise demonstriert. Oder ein Kreis schwangerer Frauen auf Schwimmnudeln, die sich mit Hilfe selbiger gegenseitig ziehen – immer schneller und schneller bis einige von ihnen aufhören über den Beckengrund zu watscheln und sich einfach mitziehen lassen können (das ist wirklich cool, auch wenn es sich jetzt komisch anhört!). Oder das paarweise Umfunktionieren zweier Schwimmnudeln zu einer Art ‚im Wasser Crosstrainer‘ mit dem man vor und zurückspringen kann, während man sich mit seiner Partnerin über mögliche Babynamen unterhält? – Also mir fällt nichts Beglückenderes ein. Ich weiß auch zufällig sehr genau aus einer empirischen Untersuchung, die ich mir anhand eines Gespräches mit einer anderen Teilnehmerin gerade ausgedacht habe, dass die Verkäufe von Schwimmnudeln im Bayerischen Wald jedes Mal nach Ende eines Kurses sprunghaft ansteigen!

Und das war’s für heute! Bis zur nächsten Ausgabe eurer Lieblingszeitschrift ‚LandFrust‘ – nur hier im Internet eures Vertrauens! Vielleicht ja dann schon mit neuem Chefredakteur…

Und hier noch ein schlechtes Handybild vom noch extrem handlich eingepackten zukünftigen Chefredakteur und meiner derzeitigen Frisur, die mein Bruder liebevoll „Lady Busdriver“ nennt.

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Inside Interessanterseits: ein Update

Vor einiger Zeit habe ich über Herausforderungen geschrieben (hier) und zu jener Zeit lagen einige vor mir.

Und jetzt?

Jetzt liegen einige hinter mir. Juchu!

Mich überkommt die Lust ein bisschen was dazu auszuführen, also…

Vor 5 Jahren habe ich meinen Universitätsabschluss gemacht und mir gedacht: „Warum aufhören? Uni ist cool. Ich bleibe einfach.“ Blöderweise hatte ich keine feste Stelle an der Uni. Glücklicherweise hatte ich aber eine wunderbare Idee für eine Doktorarbeit. Und ein paar Angebote von potenziellen Betreuern. Und eine Chefin (ich war ihre Hilfskraft), die gerade dabei war zu habilitieren. Und glücklicherweise kamen sie und ich über ein, dass ich doch ihre erste Doktorandin werden könnte. Und noch glücklicherer war dann, dass das ganze auch nocht geklappt hat. Ich besorgte mir ein Stipendium und fing an zu promovieren. Besuchte außerdem einige Univeranstaltungen, organisierte eine Tagung mit, hielt ein paar Vorträge und schrieb (mit meiner Betreuerin zusammen) einen Beitrag für einen Tagungsband. Und zwischendrin wurde ich schwanger und zog in den Bayerischen Wald. Es war eine gute Zeit.

Und heute: Blöderweise habe ich immer noch keine Stelle an einer Uni, hat also nicht so ganz hingehauen mit „an der Uni bleiben“. Aber glücklicherweise hat der Rest ganz gut geklappt: ich habe eine abgegebene Doktorarbeit und eine Verteidigung derselben hinter mir. Und vor mir die Überarbeitung und Veröffentlichung und außerdem noch das Ende meiner zweiten Schwangerschaft, das hoffentlich zusammenfällt mit dem Anfang einer weiteren wunderbaren Mutter-Kind-Beziehung.

Und nun zur wichtigsten Frage überhaupt: „Sind Sie jetzt Arzt?“ – Nein. Und auch nicht Pfarrerin. Ich habe eine Promotion im Fach „Sprache und Literatur des Mittelalters“ mit Nebenfach „Evangelische Theologie“ hinter mir und sobald ich meine Dissertationsschrift veröffentlicht habe, darf ich mich offiziell „Dr. phil.“ nennen. Mein Kind darf mich aber jetzt schon „Frau Dr. Mama“ nennen – bevorzugt wird aber: „Tiger-Mama“/“Löwen-Mama“/“Vogel-Mama“/“Mami“/“Mamoar“ und „Mama Hexe“.

Meine weiteren Qualifikationen schließen ein, beschränken sich aber nicht auf: den korrekten Umgang mit Schwimmnudeln, Grießbrei kochen und Prioritäten setzen. Dazu dann mal bei Gelegenheit mehr!

Auf jeden Fall an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Alle, die mich auf unterschiedliche Weise bei meiner Arbeit unterstützt haben!

Wie z.B. mein Stipendiumskollege und liebste Theaterbegleitung:

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Entweder Fisch oder Fleisch

Heute auf dem Markt hat eine Paprika versucht meiner Tasche zu entfliehen. Da ernährt man sich extra vegetarisch, damit sich das Essen weniger wehrt und dann sowas. Dafür habe ich dann noch eine Wurst geschenkt bekommen. Mein Vegetarierdasein wird also von allen Seiten verkompliziert. Gemüse, das die Flucht antritt, tote Tiere, die mir freundlicherweise geschenkt werden. Ich würde gerne sagen, ich hätte es mir angewöhnt, einfach nicht mehr auf diese Hindernisse zu reagieren, und schon gar nicht auf den größten Stein auf meinem Weg ins vegetarische Paradies: Ernährungstipps.

Aber natürlich stimmt das nicht, ich schreibe immerhin gerade einen Blogeintrag darüber. Ernährungstipps sind allgegenwärtig. In jedem Medium kann man sich darüber informieren, was man essen sollte und was lieber nicht. Aber mein persönliches Lieblingsmedium bleiben Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen. Und es ist jetzt kein Zufall, dass ich hier kein „_innen“ angefügt habe, es ist eine spezielle Gruppe Menschen, die mich mit Ernährungstipps beglückt.

Aber natürlich stimmt auch das nicht so ganz. Denn ich muss unterscheiden: Es gibt Ernährungstipps, die ich persönlich sehr hilfreich finde und gerne höre. Das sind vor allem meine eigenen. Und dann gibt es die Ernährungstipps – von denen ich hier sprechen möchte – die oft gar nicht realisieren, dass sie Ernährungstipps sind. Es sind die eingefleischten (Wortspiel!!) Überzeugungen von Leuten, die noch nie hinterfragen mussten, ob das, was sie als ‚normal‘ empfinden, für alle Menschen normal ist. Die gleichen Menschen können kognitiv also sehr davon profitieren, wenn ihre Ärztin ihnen eröffnet, dass der vorherige Arzt schon Recht hatte mit seinen Vorschlägen zur Änderung ihrer Ernährungsweise – gesundheitlich profitieren sie dann evtl. auch. Aber ich schweife ab.

Jede_r Vegetarier_in und besonders jede_r Veganer_in kann bestätigen, dass es eine potenziell erweiterbare aber tendenziell eingegrenzte Anzahl von Hinweisen gibt, die man erhält, wenn man sich bezüglich seiner Essgewohnheiten ‚outet‘. Und man kann noch so handfeste Gründe haben auf tierische Produkte weitestgehend oder komplett zu verzichten, es wird immer jemanden geben, der diese Gründe nicht zur Kenntnis nimmt und seine eigenen Weisheiten anbringen möchte. Vorsicht Sarkasmus: Es ist ja auch sehr wahrscheinlich, dass ein jahrelanger Vegetarier, der es soeben nicht geschafft hat durch seine bloße Existenz sein omnivores Gegenüber vom Fleischessen abzuhalten, spontan sich entschließt doch wieder Wurst zu essen, weil selbiges Gegenüber ihm das nahelegt mit den Worten: „Aber ich kenne viele Vegetarier, die Wurst essen“.

Doch Sarkasmus beiseite. Tatsächlich stehen hinter den Ratschlägen von Omnivoren also Allesessern (wobei „alles“ ja auch nicht so ganz stimmt… *hüstel*Insekten*hüstel*) an Menschen, die ihre Ernährung in irgendeiner Weise einschränken, zumeist einfach Besorgnis. Besorgnis, weil sie in ihren eigenen Überzeugungen erschüttert werden – etwas das für sie ‚normal‘ ist, scheint es nicht für jeden zu sein – und Besorgnis, weil sie ihre eigenen guten Gründe für ihre Ernährungsweise haben und einfach Sorge haben, dass diese Gründe auch für andere gelten könnten, die diese Gründe anscheinend noch nicht kennen. Und so kommt es dann, dass ich auf einer Grillparty, auf die ich frecherweise etwas für den Grill mitgebracht hatte, das gänzlich aus pflanzlichen Stoffen bestand (veganes Holzfällersteak), bei Tisch in einem einzigen langen Monolog meines Gegenüber als ‚abartig‘ geschmäht wurde. Denn keinen Tieren für die eigene Ernährung weh zu tun, scheint das Abartigste zu sein, was man so machen kann. Ich hätte die Geschichte von der in Panik fliehenden Paprika anbringen sollen – mein damaliger Witz von wegen, man könne das vegane Steak gerne ‚blutig‘ servieren, kam nicht so gut an. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich immerhin für eine Veganerin gehalten wurde und mit dem Verspeisen einer großen Portion (nicht-veganer) Panna Cotta. Wenig später traf ich selbigen Tischgenossen wieder. In einem chinesischen Lokal in dem man sich sein Fleisch aussuchen konnte und dieses dann frisch für einen gebraten wurde. Das Essen war großartig und ich hatte wieder ausgiebig Gelegenheit mit unbeliebt zu machen – allerdings wie ich dachte, nur mit niveaulosen Witzen über mein Liebesleben, die ich heute nicht zum Besten gebe – aber nein: auf der anderen Seite des Tisches fühlte sich der überzeugte Grillmeister von der letzten Party sehr gestört durch meine offensichtlich und aufdringlich vegane Anwesenheit und schwadronierte über die himmelschreiende Unnatürlichkeit einer solchen Ernährung. Während ich meinen Lachs aß und meine Nebensitzerin mit den erwähnten Witzen unterhielt.

Was habe ich nun aus dieser Episode gelernt? – Nicht viel, um ehrlich zu sein. Ich mache weiterhin den Fehler vegetarisch und vegan zu essen, auch wenn andere Menschen dabei sind. Und ich esse auch weiterhin gelegentlich Fisch oder andere tote Tiere, wenn mir dies angemessen erscheint – ich fange jetzt nicht mit der altbekannten „ich kaufe nur Biofleisch“-Lüge an, denn ich kaufe gar kein Fleisch und wenn, dann nicht bei dem nichtvorhandenen Biometzger sondern bei einem der 5 bis 8 normalen Traditionsmetzgern, die in 5 Minuten von mir zuhause zu Fuß zu erreichen sind. Bin ich also eine Vegetarierin? – Um auch hier ehrlich zu sein: es ist mir egal. Ich koche mehr vegan als vegetarisch, aber gelegentlich bei Besuchen esse ich auch Fisch und Fleisch. Und ich koche beides sogar gelegentlich… ich glaube, dass ich dieses Jahr immerhin schon zwei Mal etwas Nichtvegetarisches gekocht habe…

D.h. ihr braucht euch nicht zu sorgen, ich werde auch die geschenkte Wurst heute essen – denn schlimmer als Fleischessen ist Fleisch zu vergeuden. Die Frage, die sehr regelmäßig kommt nach dem Akzeptieren meiner Ernährungsgewohnheiten, ist, ob ich auch meinen S.O. zwinge vegetarisch zu leben. Die Antwort ist, wie dieses Jahr in meiner entwederoder-Serie eigentlich immer: Ja und nein. Ich zwinge gar niemanden sich vegetarisch zu ernähren. Ich koche und was ich koche, darf meine Familie dann essen oder es sein lassen. Punkt. Aber ja, mein S.O. ernährt sich ebenfalls überwiegend vegetarisch. Allerdings hat er einen sehr viel besseren Weg gefunden als ich (ich muss hier immerhin das Internet bemühen, um meine Erfahrungen schreibend zu verarbeiten) mit den wohlmeinenden Ratschlägen seiner Kollegen in der Mittagspause umzugehen:

„Du weißt aber schon, dass da im Fleisch Stoffe drin sind, die der Körper braucht!?!“

„Wer sagt das?“

„Ja…ähm…“

„Die Fleischindustrie.“

Es folgte eine lange Abhandlung darüber, wie sich besagter Kollege fühlt, wenn er mittags kein Fleisch gegessen hat, aber das ist eine andere – und zugegeben wohl nicht ganz jugendfreie – Geschichte, die ich hier mangels eigener Ohrenzeugenschaft nicht wiedergeben werde.

In diesem Sinne – guten Appetit und lasst es euch schmecken!

Mehr über meine Ernährungsweise könnt ihr Hier! lesen.

Leggins. Die Saga. Teil 2

Viele Dinge lassen sich auf Ja oder Nein herunterbrechen. Da wäre z.B. die Frage: Machst du daheim die Klotür zu, wenn du alleine zuhause bist? – Die Antwort „Kommt drauf an“ meint: Nein. So einfach ist das. Entwederoder. Schwarz oder weiß. Klare Meinungen und einfache Wahrheiten sind ja groß in Mode derzeit, deshalb beteilige ich mich und stelle mein ganzes Bloggerjahr unter dieses Motto. Und deshalb gibt es bei mir ausschließlich Schwarz-weiß-Denken in allen Farben des Regenbogens plus mehr Grauabstufungen als sich Mr. Grey vorstellen könnte.

Zurück zur Leggins: Ihr steht an einem Sonntagmorgen beim Bäcker und da ist er: Der Legginshintern direkt vor euch. Ihr könnt ihm nicht entkommen, ihr bewertet ihn und ihr stoßt unweigerlich darauf. Auf das große. Das gewaltige. Das ewiglich unlösbare. Das große LEGGINSPARADOX!

Es ist ja sowieso unvermeidlich, daher: Beobachtet die Legginsträger_innen um euch herum und ihr werdet schnell feststellen, dass es zwei Arten gibt. Die einen bei denen man sich wünschen würde, sie hätten ein langes Oberteil über die Leggins gezogen und die anderen bei denen man sich wünscht, sie hätten kein langes Oberteil über die Leggins gezogen.

Und das ihr Lieben ist das Legginsparadox. Es gibt sie – sehr selten aber es gibt sie – die Menschen, die dieses Paradox erfüllen und deren legginstragender Anblick die Umwelt in Entzückung versetzt – ohne dass sie ein langes Oberteil oder einen Rock über der Leggins tragen. Aber die allermeisten anderen fallen in die zwei anderen Kategorien. Ja in beide gleichzeitig, denn das ist ja eigentlich das Paradoxe am Leggins Paradox: dieselbe Person, die mit freischwingendem Legginshintern eine Spur hochgezogener Augenbrauen über verdrehten Augäpfeln nach sich zieht, kann mit einem passenden, langen Oberteil sehnsuchtsvolle Blicke selbiger Augäpfel ernten.

Und das wäre es auch schon für heute. Ich weiß sie ist sehr viel unbequemer als die Leggins selbst, aber das ist sie nunmal: die Wahrheit über das Legginsparadox.

[Das Beitragsbild zeigt das korrekte Anlegen einer Strumpfhose – denn warum überhaupt das Risiko des Legginsparadox eingehen, wenn man einfach eine Strumpfhose tragen kann?!]

Fashionblog: Leggins. 1. Teil der Saga.

Auch das ist ein entwederoder Thema. Entweder man liebt Leggins und hält sie für die dehnbare Erfüllung aller Beinbekleidungswünsche oder man sagt „Leggins sind keine Hosen!“ Und akzeptiert sie VIELLEICHT noch als wärmende Schicht unter der Kleidung oder an kleinen Kindern.

Und wie immer, kann man es sich mit dickem, runden Legginshintern dazwischen irgendwo bequem machen oder der Einfachheit halber mit einer Seite solidarisieren – wobei das Solidarisieren umso leichter fällt je größer das Bedürfnis danach ist entweder mal schnell doch noch in der „Hausleggins“ Brötchen zu holen oder beim Bäcker dem Anblick der etwas zu weit gedehnten weißen Leggins über schwarzem Stringtanga zu entkommen.

Ich muss vielleicht vorab gestehen, dass ich tendenziell zur Gruppe „Leggins sind eigentlich abgeschnittene Strumpfhosen“ gehöre und sie deswegen auch an meinem Kind nur so lange als Hosenersatz akzeptiere solange selbiges eine Windel darunter undoder ein langes Oberteil darüber trägt. Dazu kommt natürlich, dass Leggins eines dieser Kleidungsstücke ist, die man in den allerseltensten Fällen ökologisch und fair trade kauft – zumindest sind meine Leggins beinahe ausschließlich Spontankäufe an kalten Wintertagen. Es fällt auch einfach schwer für eine Leggins mehr als 10 Euro auszugeben… sagen wir 20, wenn es eine besonders dicke ist. Insgesamt kann ich also kein großer Legginsfan sein, weil ich dann doch immer lieber Strumpfhosen anziehe.

Doch dann gibt es natürlich noch das ABER. Denn Leggins mögen ganz viel sein ABER sie sind eben auch bequem. Und wenn man – wie ich – das große Talent hat seine Hosen zuhause immer (IMMER!) beim kochen/putzen/garnichtsbesonderes machen zu verschmutzen, dann grenzt die Einführung einer Hausleggins an einen Geniestreich. Besonders im Winter, denn ein Hausanzug/Jogginganzug ist zwar auch nett, aber über die Leggins kann man dann bevor man das Haus verlässt einfach die Jeans wieder drüber ziehen…

kann man…

Und dann kommt das Müll raus bringen. Das man ökonomisch und erfolgreich auf den S.O. outgesourced hat. Nur dass halt der Biomüllbehälter nicht mehr alleine hochkommt, nachdem er morgens vor der Arbeit mit runtergenommen wurde. Und das fällt mir dann ein, wenn ich es mir schon in meiner Hausleggins vor meiner Arbeit bequem gemacht habe. Oder besser gesagt: wenn ich meine Arbeit schon lange gemacht habe und es mir gerade zum Feierabend in der Hausleggins bequem mache… hüstel… ich meine natürlich in meiner Sportleggins noch Gymnastikübungen mache.

Alle Ereignisse natürlich frei erfunden.

Es war dann auch schon dunkel draußen und da dachte ich: „Naja. Leggins sind zwar keine Hosen, aber wenn eine legginstragende Frau mal schnell noch den Biomülleimer hochholt und sie niemand dabei sieht, dann…“ In meinem Kopf hat es Sinn gemacht. Schnell also Schlüssel geschnappt und mit Legginsumschmiegtem Hintern die zwei Treppen runter in den Hof gehüpft. Draußen sehr dunkel. Schon in der Mitte der letzten Treppe bevor auf mein wildes Arm-Gefuchtel der Bewegungsmelder anspringt und ich endlich sehen kann, wo meine Oberschenkel hinschwabbeln. – Denn ich natürlich: besonders sportlich wegen der etwas kühlen Winternacht hoppelnd und hopsend auf den letzten Stufen. Endlich also Flutlicht an und im gleißenden Licht steht: das Auto des Ehemanns der Nachbarin. Nicht wie gewöhnlich parallel zur Außentreppe sondern frontal darauf gerichtet, sodass die sich im Dunkeln darin Unterhaltenden beste Sicht auf die Treppe und auf die darauf schwingenden Legginspobacken haben. Selbige versuchen natürlich zu ignorieren, dass es Zuschauer_innen gibt. Ich schnappe meinen Biomüllbehälter und hopse ebenso schwungvoll wieder die Treppe hoch (nur ohne Armgefuchtel), wie ich sie hinuntergekommen bin, denn alles andere würde ja bedeuten, dass mein Publikum hätte ahnen können, dass ich mir unangenehm bewusst bin, dass ich nur eine Leggins mit einem Loch an meinem oberen, hinteren Oberschenkel anhabe und im vollen Flutlicht eine Treppe runter und rauf hüpfe, auf das es nur so wabbelt und schwabbelt.

Und nein: diese Geschichte wird mir nicht weniger peinlich, wenn man mir versichert, dass dieser Anblick evtl. auch etwas sehr reizvolles haben könnte. Nur gut, dass ich in dieser natürlich gänzlich erfundenen Geschichte… hüstel… ein Oberteil anhatte und Straßenschuhe und keine Hausschlappen.

Ich hege die Hoffnung, dass meine Nachbarin a) zur Gruppe der bedingungslosen Legginsbefürworterinnen gehört und b) selber peinlich berührt war bei einem nächtlichen Autogespräch mit ihrem Gatten beobachtet worden zu sein. Aber b) kann ich schlecht beurteilen, denn dieser Hase-im-Scheinwerferlicht-Blick, den die Beiden aufgesetzt hatten, kann natürlich auch von meinem phänomenalen Anblick hergerührt haben.

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[Das ist kein Bild von mir in einer Leggins, dafür aber ein Bild von mir in einer Strumpfhose als Teil einer kleinen Schnitzeljagd bei der die Teilnehmer_innen von einem Büro ins nächste geschickt wurden – in meinem Büro mussten sie Fahrstuhlmusik in Endlosschleife hören, eine Nummer ziehen und… warten. Warum das zur Legginsgeschichte passt? Ich fand mein Outfit ebenso ansprechend und peinlich wie das beschriebene Biomülleimer-Hol-Outfit, aber ich habe tatsächlich mehrmals Komplimente dafür bekommen… das lag wahrscheinlich an den Socken.]

Halten wir fest: Ich erfülle das Leggins-Paradox nicht. Aber wer kann das schon? Es ist beinahe unmöglich es zu erfüllen, sonst wäre es ja kein Paradox.

Was das Leggins-Paradox ist, fragt ihr? Das erzähle ich euch im nächsten Teil der großen Leggins-Saga!

Fashionblog: Fett und hässlich oder nur einfach widerlich?

Die Kurzfassung dieser Geschichte wäre: Ich habe mich an der Bushaltestelle mit einem Mann unterhalten, den ich erst unsympathisch fand, und war hinterher ganz positiv berührt von unserem Gespräch.

Wie so oft bei Kurzfassungen ist auch diese vollkommen irreführend.

Ich saß eines trüben Nachmittags an einer Bushaltestelle in München oder besser in einer Bushaltestelle unter diesem kleinen Dach, das manche Haltestellen haben auf einem von drei Metallsesseln, die im Herbst/Winter/Frühjahr so unangenehm kalt sind und wahrscheinlich habe ich ein Buch gelesen. Von diesem Buch sah ich auf, als ein Schatten das eh schon graue Stadtlicht verdunkelte und ich sah einen riesigen Mann unter das Haltestellendach treten. Und wenn ich sage ‚riesig‘ meine ich ‚fett und unförmig‘. Es war einer dieser Menschen deren Körperbau Formen angenommen hat, die sich mehr in Richtung Bauwesen als Biologie zu bewegen scheinen. Dazu eine merkwürdig pustelig-eitrige Haut und triefende Augen. Er war noch ca. 3 Meter entfernt, aber wegen seiner Körperfülle hatte ich das Gefühl, er stünde schon sehr nah und ich bildete mir ein, dass ich gleich seinen unangenehmen Körpergeruch riechen würde. Ich stand auf und wich ihm aus, vollkommen unbewusst diesem Impuls folgend weiten Abstand zu halten, weil … ja warum eigentlich … wohl weil ich dachte, ich könne mich irgendwie mit irgendwas anstecken. Es war als hätte diese Person ein Energiefeld um sich, das mich zur Seite drängte noch bevor die Fettmassen auch nur auf eine Armlänge herankamen. Da ich nicht mehr weiß, ob ich mein Buch automatisch in meiner Tasche verschwinden ließ, weiß ich nicht mehr, ob ich überhaupt eines in der Hand hatte und ich weiß auch nicht mehr genau, was er zu mir sagte. Es war etwas in der Art: „Ja weichen Sie besser dem widerlichen Fettsack aus…“

Was ich noch sehr genau weiß, ist, wie ich plötzlich das Energiefeld um ihn herum in seinen Farben erkennen konnte, wie ich plötzlich diesen klaren Moment hatte, nicht mehr in dieser Situation steckte, sondern ganz nüchtern war, unerreichbar für die Ekelgefühle, die mich dazu bewegt hatten Platz zu machen. Ich sah die Verletzungen, die dazu führen, dass man sich einen dicken Schild aus passiver Aggression und Unfreundlichkeit aufbaut. Die Einsamkeit. Das Ausgestoßen sein. Das Leiden unter der Reaktion von Fremden auf der Straße, vielleicht noch verstärkt, wenn es junge zarte Frauen sind, die große Bedachtsamkeit aufwenden, um nicht zu nahe zu kommen. Und ganz ruhig drehte ich mein Gesicht zu ihm, sah ihn direkt an und lächelte.

Glaubt ja nicht, das war Herzensgüte, das war reine Berechnung. Ich wusste, dass diesen Menschen kaum jemand anlächelt. Ich sagte meinen Gesichtsmuskeln, dass sie dies tun sollten. Ich achtete darauf, dass meine Augen sich nicht – wie bei einem echten Lachen – verengen, sondern hielt sie weit offen, dass ihr grün-blaues Muster ihn anglitzern konnte. Ich raffte meinen gesamten Charme zusammen und bombardierte diesen riesigen traurigen Mann damit. Genausowenig wie ich noch weiß, was er gesagt hat, weiß ich, was ich gesagt habe – das was ich mir einbilde gesagt zu haben, passt nicht zu dem, was ich mir einbilde, dass er gesagt hat. Wahrscheinlich fielen Worte dazwischen, denn ich muss irgendwie die Möglichkeit gehabt haben zu sagen: „Wenn Sie mir die Freude machen, neben mir zu sitzen, setze ich mich gerne wieder hin.“ Und ich setzte mich wieder auf meinen Platz. Oder besser auf meinen halben Platz, denn er belegte mehr als nur die zwei Plätze daneben.

Und dann unterhielten wir uns. Über das schlechte Wetter. Über die mehr oder weniger schlechten Busfahrer, die es schaffen, auf einer geraden Strecke alle mitfahrenden Omas mindestens einmal umfallen zu lassen. Über München an sich. Darüber, dass es doch ganz gut ist, ein gutausgebautes öffentliches Verkehrsnetz zu haben. Und was weiß ich noch alles. Als mein Bus kam – an dieser Station fährt nur ein Bus – stand ich auf und lächelte ihn noch einmal an und diesmal kam es von Herzen. Ich sagte: „Das hat mich sehr gefreut. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Und er sagte etwas darauf, das mein Herz ein bisschen bluten ließ, obwohl es eigentlich wohl nicht viel anderes war als meine Abschiedsworte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht gesagt hat: „Das war wirklich eine schöne Begegnung. Das hat mir sehr gut getan. Haben Sie noch ein schönes Leben.“ Aber es fühlt sich bis heute so an, als ob er das gesagt hätte. Ich sah dann auch noch aus dem Busfenster hinaus und lächelte.

Es war ein wunderschöner Moment. Obwohl ich schon eine ziemlich widerliche Person bin. So berechnend das immer und immer wieder ungestillte Bedürfnis nach menschlichem Kontakt von jemandem zu erkennen und zu erfüllen. Und zwar in erster Linie, weil ich mich so geärgert habe über diese vorgreifende Unfreundlichkeit, diesen spürbaren Hass auf die Umwelt. Eine Umwelt, die Menschen wie ihn zugegebenermaßen wirklich zumeist schlecht behandelt. Ich wollte das nicht akzeptieren, dass jemand so negativ auf meine Handlungen reagiert, für die ich ja nichts konnte. Ich hab ihm Platz gemacht, weil er Platz brauchte und ich auch gut stehen kann. Aber natürlich habe ich damit reagiert, wie alle immer reagieren. Nur eine weitere Person, die abgestoßen ist. Und ich kann nicht behaupten, dass ich nicht abgestoßen wäre und so bleibt mir auch ein bitterer Nachgeschmack. Es war schön zu erleben, wie meine Freundlichkeit mein eigenes Herz aufgehen ließ, wie ich mich selbst positiv stimmen kann dadurch, dass ich mich zwinge nicht negativ zu reagieren. Es ist immer schön mit Fremden ruhig und friedlich sprechen zu können. Egal über was. Aber besonders, wenn man mit diesen Menschen im ‚normalen‘ Leben niemals reden würde. Aber es bleibt bitter, dass meine Freundlichkeit aufgesetzt war, dass ich jemandem einen schönen Moment geschenkt habe, im klaren Bewusstsein einen schönen Moment zu erschaffen. Vielleicht sollte ich das nicht ‚widerlich‘ nennen, denn wir alle tun das ständig – jeder Dienstleister macht letztlich nichts anderes. Aber so im Privaten? Ohne Grund als eben jenen mich selbst besser fühlen zu wollen… Tatsächlich ist dies eigentlich keine Geschichte, die ich oft erzähle, denn ich habe immer das Gefühl entweder ihn als fett und hässlich zu bezeichnen oder mich als einfach nur widerlich zu erleben.

[Das Bild passt, weil es das einzige hässliche Gebäude auf der Amalienstraße in München ist. Gleichzeitig beherbergt es meine erste Wohnung in München. Die Bushaltestelle war wo anders.]

Amalienstr.49